Was zählt

Die ökumenische Kirche im Zürcher Hauptbahnhof verzeichnet so viele Gespräche wie noch nie, hörte ich vor einiger Zeit im Radio. Täglich machen ein paar hundert Leute im Schutz der Anonymität einen Zwischenhalt, um mit einer Seelsorgerin über das zu sprechen, was sie beschäftigt. Oft sind es psychische oder familiäre Probleme. Rolf Diezi, reformierter Seelsorger im Bahnhof, sagt dazu: «Unsere Gesellschaft ist härter geworden und die weichen Menschen leiden noch mehr als vorher.»

Bei aller Kritik, die sich Kirche gefallen lassen muss, darf diese Kernaufgabe ihrer Arbeit nicht vergessen werden. Sie ist kostenfrei, anonym und für alle Menschen zugänglich – egal ob Kirchenmitglied, Buddhist oder nichts von alledem. Und sie wird immer häufiger in Anspruch genommen, während gleichzeitig immer mehr Menschen der Meinung sind, Kirche sei bedeutungslos, überholt und nicht mehr unterstützungswürdig.

Zugegeben, auch ich hänge mein Herz nicht an die Institution Kirche. Sie ist ein austauschbares Gefäss, eine schüttere Bühne, auf der das Evangelium mehr schlecht als recht auf- und zuweilen sogar etwas vorgeführt wird. Wenn Gott Gott ist, hat er das alles gar nicht nötig. Seine Botschaft hat sich lange vor derartigen Institutionen Bahn gebrochen und sie wird es auch nach ihnen tun. Vielleicht sogar etwas befreiter und unbefangener als bisher.

Der ewige Gott ist wohl kaum angewiesen auf durchdachte Kirchenordnungen, präzise Protokolle oder die gewitzte wie moderne Nutzung historisch wertvoller Kirchengebäude. Gegen den Schweizer Theologen Karl Barth würde ich sogar behaupten, dass ihm auch die Musik ziemlich gleich-gültig sein dürfte. Ich stelle mir vor, wie er über unsere bemühten Versuche der jugendgerechten Unterweisung milde lächelt. Auch pfarrherrlichen Dünkel benötigt er vermutlich ebenso wenig wie leidenschaftliche Predigten oder biblisch-rechthaberische Wortklauberei. Das alles ist Staub und Schatten.

Das einzige, was für mich zählt, ist die Begegnung. Die wirkliche Begegnung, in der wir unsere Schutzwälle fallen und unsere Maskeraden sein lassen dürfen. Begegnungen, in denen wir einander davon erzählen, was uns begeistert, bewegt und beschäftigt – ungeschönt und ungeschminkt. Die Begegnung, in der wir merken: Wir sind die Gleichen – mit all unseren Narben, Geschichten und Wundern. Mit dem ganzen bisschen Glauben, das wir haben. Wir sind die Gleichen und darum nicht allein. In so einer Begegnung steckt mehr lebendiges Evangelium als in jeder heiligen Schrift.

Anmerkung: Dieser Beitrag erschien am 26. Februar 2020 in der Emmentaler Zeitung „d’Region“.

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Über die Angst

In der Welt haben wir Angst, das wusste bereits Jesus. Das fängt bei der Sorge um die richtige Kleiderwahl an und hört bei der Furcht vor dem Fremden noch lange nicht auf.

Eigentlich verständlich. Immerhin weiss jeder, dass Kleider Leute machen, falsche Kleider hingegen Aussenseiter. Gerade im Sommer, wo in den sozialen Medien überall der scheinbar perfekte Ferienlook zur Schau gestellt wird, wächst die Angst, nicht auszureichen – nicht schön, schlank oder modisch genug zu sein. Ich kenne das. Als Kind litt ich unter dem Feuermal auf meinem Gesicht. Es war augenfällig, dass ich anders bin. Die Blicke der Menschen erinnerten mich ständig daran.

Nicht selten erlebte ich, wie Leute mit offenem Mund vor mir stehen blieben oder sogar ihre Kinder wegzogen. Warum ich so gefährlich sei, dafür hörte ich die skurrilsten Erklärungen. Ein Mal war ich geistig behindert, ein anderes Mal ein Schläger und ein drittes Mal von Dämonen besessen. Dabei hatte ich weder etwas gesagt noch getan.

Das Andere macht Angst. Wie muss es da denen gehen, die nicht bloss ein Feuermal im Gesicht tragen? Wie muss es Menschen gehen, die wirklich mit einem Handicap leben? Oder solchen, die aus einer anderen Kultur kommen? Das Fremde macht Angst und darum steht es gerne mal unter Generalverdacht. Ob die Angst begründet ist, wird oft gar nicht hinterfragt.

Dabei ist Angst eine schlechte Ratgeberin. Gerade, wenn es darum geht, mit neuen Herausforderungen umzugehen, blockiert und verschliesst sie. Und wo Verschlossenheit und Furcht sind, sind Abwehr und Hass oft nicht weit.

In der Welt haben wir Angst. Ich denke, daran können wir wenig ändern. Es wird immer Momente geben, die uns das Fürchten lehren. Manchmal ist das auch gut. Bis heute habe ich vor jedem Gottesdienst Lampenfieber. Das hilft mir, mich zu konzentrieren. Oft ist Angst aber mehr schädlich als nützlich. Darum ist es wichtig, wie wir mit dem umgehen, was uns ängstigt. Gestehen wir uns unsere Ängste ein? Lassen wir uns von ihnen beherrschen oder versuchen wir, sie zu überwinden?

Ich glaube, ein guter Anfang wäre, aufeinander zuzugehen. So wie damals, als ich im Tram sass und eine Mutter wieder mal ihre kleine Tochter von mir wegzog. Die Kleine liess sich aber nicht beirren, löste sich aus dem mütterlichen Klammergriff, lief schnurstracks auf mich zu, zeigte auf mein Gesicht und fragte entschlossen: «Was ist das?» Als ich es ihr erklärt hatte, sagte sie «Ok», lächelte und ging zurück an ihren Platz. Ich war kein Fremder mehr. Es gab keinen Grund mehr, sich zu fürchten.

Anmerkung: Dieser Beitrag erschien 2019 bereits in der Emmentaler Zeitung „d’Region“.

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Das Erinnern vergessen – 75 Jahre Befreiung von Auschwitz

«Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.» Dieses Zitat des amerikanischen Philosophen George Santanayana begegnet mir, während ich im polnischen Konzentrationslager «Auschwitz I» wortlos entlang der ehemaligen Baracken schreite. Eine davon betrete ich. Ich gehe durch kalte Räume voller Schuhe, Koffer, Fotos und Töpfe. Sie haben einmal jemandem gehört.

Irgendjemand hat vor rund 80 Jahren in aller Eile seine Schuhe geschnürt und seine Habe in einen Koffer gepackt. Am Bahnhof angekommen, musste dieser Jemand seinen Namen auf den Koffer schreiben und ihn dann am Perron zurücklassen. Er bekomme ihn später wieder, sagten sie. Das Ziel der Reise war unbekannt. Es gab wohl Gerüchte, wohin die überfüllten Viehwaggons die Menschenmassen verfrachten. Aber die Geschichten von Folter, Mord, von Gaskammern und Krematorien wollten viele nicht recht glauben. Das würden die nicht wagen, sagten sich die Menschen. Sie wagten es doch.

Mein Weg führt mich vorbei an den Baracken. Ich passiere Stacheldrahtabsperrungen, die einmal unüberwindbar waren. Dahinter, verborgen unter einer bewachsenen Anhöhe, liegt ein Gewölbe. Der Eingang ist so klein, dass ich den Kopf einziehen muss. Über diese Schwelle wurden einst tausende Jemande geführt. Solche, die in den Augen der Machthaber zu jüdisch, zu krank oder sonst irgendwie störend waren. Sie alle gingen auf dem Weg in die Kammer durch diese kleine Tür.

Was in den Lagern von Auschwitz geschehen ist, ist beispiellos dafür, wozu Menschen fähig sind. «Nie wieder», sagten sich die Völker nach dem Krieg und verabschiedeten die Menschenrechte. Eine Grundlage dieser Rechte liegt in der Bibel im ersten Schöpfungsbericht. Gemeinsam mit den Juden glauben wir Christen, dass wir nach Gottes Ebenbild geschaffen sind. So werden wir besonders gewürdigt. Wir bekommen von Gott eine Würde, die uns kein Mensch nehmen darf.

Heute, so scheint es zumindest, sind die Menschenrechte bei uns in der Schweiz eine Selbstverständlichkeit. Die Erinnerung daran, warum sie nötig sind, verblasst allerdings: Bald gibt es keine Zeitzeugen mehr. Zeitgleich mehren sich die Stimmen, die von Dingen wie Auschwitz nichts mehr hören können oder wollen. Aber diese Wahl haben wir nicht. Auschwitz ist auch unsere Geschichte. Denn Auschwitz erzählt die Geschichte vom Versagen der Menschlichkeit. Daran müssen wir uns erinnern. Denn «wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.»

Anmerkung: Dieser Beitrag erschien 2019 bereits in der Emmentaler Zeitung „d’Region“.

In eigener Sache: Ich mach dann mal Pause

Im Netz ist jeder ein Experte. Ganz egal, ob er was von der Materie versteht oder nicht.

Das Teilen ungeprüfter Inhalte reicht völlig. Die Meinung wird zum Fakt und die Realität geleugnet, als Lüge von Medien und Wissenschaftlern abgestraft. Ein Klick auf den «Teilen»-Button genügt.

Vermutlich ist mir das vor lauter Tatendrang auch schon öfters passiert, dass ich nicht genau hingesehen habe, was ich da teile. Dass ich nicht kritisch und reflektiert genug war. Weil ich dachte, es müsse sich was ändern. Weil ich irgendetwas las und dachte «Ja, genau! Recht hat er!». Dabei waren die Zahlen und Fakten nicht aus der allerbesten Luft gegriffen.

Mit absoluten Aussagen und der Verbreitung von Fake News, die bloss unsere Gesinnung unterstreichen, ändern wir kaum etwas. Wir sorgen nur dafür, dass der Graben zwischen den Menschen wächst. Dass Misstrauen zunimmt, Hass anschwillt und die Angst regiert. Die Angst vor dem Fremden, von dem wir eigentlich nichts wissen, aber halt als Feindbild herhalten muss.

Beim Halten der Predigt in der Christnacht hat mich aus dem Nichts heraus ein Satz zutiefst erschüttert: «Habt keine Angst.» Wir haben so viel Angst auf der Welt. Und wir verwenden soviel Energie auf diese Angst. Zumindest mir geht es so. Ich mag der Angst keinen Raum mehr geben. Keinen Millimeter mehr.

Denn ich habe gemerkt, dass das mir und meiner Nächstenliebe nicht guttut. Die Haut ist ein klein wenig zu dünn. Deshalb habe ich mich entschlossen, ab dem 1. Januar 2020 privat in Sachen Soziale Medien (Facebook, Twitter) erstmal eine längere Pause einzulegen. Anstatt fleissig zu teilen, will ich mich wieder mehr und vertieft den Quellen widmen. Ich möchte wieder mehr über das Gute schreiben, anstatt Raum und Energie an Negatives zu verschwenden. Ich möchte Kraft aus der christlichen Hoffnung schöpfen und mich nicht von irdischer Angst lähmen lassen.

Wer mag, darf gerne auch 2020 ab und an hier reinschauen. Oder Ihr dürft mir gut altmodisch einen Brief schreiben: Tobias Zehnder, Oberdorf 3, 3326 Krauchthal. Ich würde mich freuen und werde gerne antworten.

Menschlicher Advent

Besonders in der Adventszeit schalmeit mir fröhlich überall das «Christliche» entgegen. Gerade so, als wäre das irgendein Gütesiegel, das unsere ganze Hirnleistung auf Eis legt. Wenn christlich draufsteht, muss was Gutes drin sein. Da braucht es keine kritische Betrachtung mehr. Da wird die gute alte Bibel genauso widerspruchslos – und darum im eigentlichen Sinne unbiblisch – heruntergeschluckt wie jede andere verkappte religiöse Meinung, die ein vermeintlich frommer Geist im Mäntlein göttlicher Inspiration hingedreht hat.

Wenn dann noch der Wille Gottes dazu kommt, den einige – und darum beneide ich sie schier – offenbar ganz klar kennen, schalmeit es jeweils bei mir unerhört. Der göttliche Wille und das Prädikat «christlich» sind sehr grosse Worte für so kleine Geschöpfe wie unsereins.

Oft erlebe ich hinter solchen Prädikaten kaum Nächstenliebe und bedingungslose Annahme, sondern das paragraphenversessene Durchzwängen von dem, was man selbst Gott nennen will oder von Kindesbeinen an als solchen eingetrichtert bekommen hat. Oft spüre ich hinter solchen Prädikaten auch Härte und Verletzungen.

Ich selbst erlebe Gott am ehesten dort, wo es vor allem menschlich zu und her geht. Fernab aller Liturgie und Tradition. Vielleicht mehr bodenständig als heilig, eher fehlerhaft und weniger fromm. Vielleicht eher lebendig und rau als andächtig und nett, eher widersprüchlich und chaotisch als rein und regelkonform.

Es ist die Menschlichkeit, die uns fehlt. Für sie braucht es mehr Mut als jedes fromme Gewäsch und jede bibeltreue Wortklauberei, hinter denen wir uns verstecken und schützen. Wenn wir uns als Menschen zu erkennen geben, machen wir uns verletzlich.

Für die Adventszeit wünsche ich uns darum den Mut, einfach mal Mensch zu sein. Das Göttliche wird schon von selbst kommen. Als Mensch.

Klimagrünschnäbel

Heute wurde ich in einem Kaffee einmal mehr unfreiwilliger Zeuge des fast schon zeitlosen Dialogs zur derzeitig einmalig unflätigen Jugend. Ihr wisst schon, die verwöhnten Grünschnäbel, die von nichts eine Ahnung haben, aber alles besser wissen. Ein Klassiker der Neuzeit.

Als ultimativer Beweis wurde dieses Mal ein Geschwisterpaar angeführt, das am Nachmittag offenbar gegen den Klimawandel demonstrierte und abends bei den Eltern zwecks Geld für Ferien am Meer «Bittitbätti» machte. Da geht was nicht auf, keine Frage. Da musste ich den alten, weissen Herrn, die da engagiert die Köpfe zusammen steckten, während selbige ob der Thematik rot und röter wurden, schon Recht geben.

«Denen gehört mal das Handy weggenommen und die Heizung abgestellt», warf einer pflichtbewusst ein. Ich nickte so unauffällig wie möglich. Nicht, dass ich ihm durchweg recht gegeben hätte, aber irgendeiner muss das ja sagen, sonst hätte an dem Gespräch was gefehlt. Ein anderer meinte nach einer längeren Zeit erbosten Kopfschüttelns gar: «Die gingen mal besser in die Schule. Dann würden sie etwas Rechtes lernen.» Hätte er es nicht gesagt, ich hätte es selbst getan.

Den Grossen und Alten kann man’s nicht recht machen. Entweder man ist faul oder zu verwöhnt oder zu dumm, um sich für die richtige Sache richtig einzusetzen. Wobei, ob es die richtige Sache ist, diese Klimageschichte, ist hinter vorgehaltener Hand ja durchaus strittig. Manch ein Herr möchte die ganze Hysterie ebenso gerne leugnen wie das einstige Waldsterben, das ohnehin nie eingetreten ist. Er würde gerne, aber die Beweislast ist lästig erdrückend. Immerhin sagen 97% der Profis, dass der Klimawandel nicht nur existiert, sondern zu allem Unglück auch noch menschengemacht ist. Ich meine, 97%, das sind verdammt viele von denen, die einmal «etwas Rechtes gelernt» haben. Und weil Mann sich mit Argumenten nicht mehr zu helfen weiss, gibt es verbale Hiebe – zum Beispiel auf 16-jährige Mädchen. Ganz grosses Kino Leute, Ihr hättet besser mal «etwas Rechtes gelernt», Anstand zum Beispiel.

Aber noch mehr wünschte ich mir, Ihr mit Eurer grossen und unübertroffenen Weisheit hättet erkannt, dass diese Sache mit der Welt eine unglaublich verworrene Kiste ist. Und dass man darum nicht alle in eine Kiste werfen kann. Zwei Teenager, die nach der Klima-Demo gen Spanien fliegen wollen, heisst noch nicht, dass alle Jugendlichen grundsätzlich und ausschliesslich bekloppte Heuchler sind. Da könnte ja jeder kommen: Was wäre das zum Beispiel für eine Welt, in der der faule Bauer mit dem wortwörtlichen Saustall die ganze Landwirtschaft in Verruf bringen kann? Oder ein scheinheiliger Pfarrer die gesamte Geistlichkeit … Gut, das letzte Beispiel war nicht aus der besten Luft gegriffen.

Ich wünschte mir, Ihr würdet Euch daran erinnern, wie wir damals gegen unsere Eltern rebelliert haben, wie auch wir so manches anders gesehen haben. Ich wünschte, Ihr würdet zuhören, wie uns nicht zugehört worden ist; diskutieren, wie mit uns nicht diskutiert worden ist. Ich weiss, ich weiss: Träum weiter. Aber wenn es uns schon an Liebe füreinander und Glaube aneinander mangelt, so lasst mir wenigstens die törichte Hoffnung.

Ich wünschte, Ihr würdet sehen, dass auch uns in der Welt der Durchblick fehlt. Dass auch wir nicht alle Zusammenhänge begreifen. All die Halbwahrheiten und klugen Sprüche der abtretenden Garde, das überhebliche Gehabe hinab auf eine freilich fehlbare Jugend, die stolpernd nach neuen Wegen sucht. Damit ist nichts erklärt. Damit ist niemandem geholfen. Das ist nichts, worauf wir stolz sein können.

Man müsse ja schon etwas machen, erklärte einer der Herren. «Aber die würden besser mal in Brasilien anfangen oder in China oder …» « … oder bei Glencore, oder bei Syngenta, oder bei Metalor», ergänze ich in Gedanken. Alles Schweizer Firmen, die weltweit Land und Leute ausnutzen. Oder bei den Waffenexporten – «swiss made» und bald schon in einem Bürgerkriegsland in Ihrer Nähe. Durchgewunken von jenen Politikern, die den Klimawandel ins Lächerliche herabwürdigen, während sie zeitgleich die Flüchtlinge zur Trittbrett-fahrenden Dämonenbrut hochstilisieren. Jene, die Waffen in Bürgerkriegsländer verkaufen wollen und jene, die die Flüchtlinge aus eben diesen Kriegsgebieten lieber ersaufen lassen – das sind viel zu oft dieselben.

«Ja, etwas machen muss man», doppelt ein anderer Herr nach. «Aber nicht so, wie diese Saugoofen.» Einen alternativen Lösungsvorschlag hat er nicht parat. Auch das gehört zu diesem klassischen Dialog.

Ich bezahle, verlasse das Lokal ohne ein Wort. Ich habe nichts gesagt. Ich habe nichts gemacht. Mit meinem Einweg-Plastiksäckli voller Kommissionen steige ich in mein Auto – kein E-Auto, aber auch dreckig. In Gedanken bin ich noch bei den weisen Männern. Aber etwas muss man machen, da haben die Herren schon recht, sage ich mir. Halt eben nicht so. Und vielleicht lieber auch nicht hier. Klar, etwas muss man machen.

2018 – Geschüttelt und gerührt

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Das erste Jahr im Pfarramt hat uns gehörig durchgeschüttelt. Eben noch waren wir zwei einfache Studenten, die ihr bescheidenes Dasein in einer viel zu kleinen Wohnung fristeten, und im nächsten Moment residierten wir im herrschaftlichen Pfarrhaus in Krauchthal. Und mit dem grossen Haus kamen in diesem Jahr auch unzählige grosse wie auch kleine Aufgaben auf uns zu. Manche von ihnen waren sichtbar und somit dem Urteil der Gemeinde ausgeliefert, andere erledigten wir eher im Hintergrund – dann, wenn die meisten dachten, dass wir gerade blau machen.

Es wäre gelogen, wenn wir sagen würden, dass uns die Bürde des Amts in diesem ersten Jahr nicht manchmal schwer auf dem Magen lag. Denn längst nicht alles ist uns gelungen und auch manche Erwartungen haben wir zu spüren bekommen. Nicht alle konnten wir erfüllen, auch das haben wir gespürt. Die Namen beispielsweise sitzen auch nach einem Jahr noch nicht. Führten wir zu Beginn noch Listen, haben wir das aus Zeitgründen bald einmal aufgegeben.

Denn Zeit war das, was uns 2018 am meisten fehlte. Zeit, um Ideen zu verwirklichen, Zeit, um Menschen zu begegnen und im Austausch zu sein. Das war für uns die grosse Ernüchterung im ausgehenden Jahr. Wir hätten gerne mehr gemacht. Wir wären gerne mehr draussen, mehr bei Euch gewesen. Aber bei einem wachsenden Bürokratieaufwand und rund 1’700 Reformierten in der Kirchgemeinde kann sich wohl jeder selbst ausrechnen, wie realistisch das ist.

Zeit fehlte uns nicht nur für das Amt, sondern auch für uns selbst. Die Menschen, die 2018 wohl am wenigsten von uns hatten, waren unsere Freunde, unsere Familie. Ihnen gebührt ein grosser Dank, denn sie stecken viel zurück, damit andere mehr bekommen können.

Gerührt haben uns in diesem Jahr die vielen Abschiede, die wir in der Gemeinde nehmen mussten. Es ist für uns bei jedem Trauerfall eine grosse Ehre, den Verstorbenen noch einmal so nahe kommen zu dürfen – im Gespräch mit den Angehörigen, wenn wir die Trauerfeier schreiben, wenn wir den Lebenslauf verfolgen. Für ein paar Tage ist der Verstorbene Gast in unserem Haus, lebt seine Geschichte noch einmal auf. Das ist eine intensive Zeit, von der immer auch etwas zurückbleibt.

Auch im neuen Jahr gibt es einiges zu tun. So ist 2019 etwa ein Jubiläumsjahr. Unsere Kirche wird 225 Jahre alt. Deshalb wollen wir Euch in den Orten unserer Kirchgemeinde besuchen, um Euch einzuladen. Denn im August feiern wir bei Kirche und Pfarrhaus ein grosses Fest. Darauf freuen wir uns riesig!

Ausserdem arbeiten wir daran, unsere Kirchgemeinde fit für die Zukunft zu machen. Es ist kein Geheimnis, dass die reformierte Kirche mit Austritten zu kämpfen hat. Das ist bei uns nicht anders. Die Art, wie Menschen Glauben leben, verändert sich. Und das ist in Ordnung. Auch wir setzen uns für einen vielfältigen, farbigen Glauben ein. Gleichwohl wird die Kirche ihre wichtigen sozialen Aufgaben nur noch mit Mühe erfüllen können, wenn kaum noch jemand gewillt ist, diese Arbeit zu unterstützen.

Der Glaube wird in unseren Tagen gerne belächelt. Das bereitet uns Sorge, denn damit zerfällt auch das Wissen um unsere christliche Identität. Aber gerade in einer globalisierten Zeit, in der Religionen und Kulturen nah zusammenrücken, sollten wir Auskunft darüber geben können, was uns ausmacht und was uns wichtig ist. Dafür setzen wir uns auch mit Leidenschaft 2019 ein.

Keine Frage, das Jahr 2018 hat uns geschüttelt und gerührt. Nichtsdestotrotz war es ein besonderes Jahr, in dem wir enorm wachsen durften. Das ist vor allem den vielen positiven Begegnungen und Gesprächen zu verdanken, den hilfreichen Feedbacks und den helfenden Händen. Danke für Eure Geduld, Euer Engagement und Euren Glauben – auch den an uns. Danke, dass Ihr uns in unserem ersten Jahr so herzlich aufgenommen habt. Wir freuen uns darauf, auch 2019 mit Euch Kirche zu sein.

Rütschet guet und bhüet Nech Gott! – Euer Pfarrteam Krauchthal

Dr Pfarrer u dr Sprüchliriesser – oder o: Gottes Irrwäge sy unergründlech

Du chaisch es dräie und wände wie de wosch, irgendeine isch nie zfride. Du chaisch über ds Wasser loufe, das Wasser glichzytig zu Wy la wärde und de ono grad teile – idealerwies i Rote, Rosé und Wysse – es isch gliech nid rächt. Eh ja, es hät ja vilicht ono Champagner chönne drbi useluege. Fair Trade, Vegan, Bio und am beschte ono grad alkoholfrei us dr Region.

Du chaisch es dräie und wände, wie de wosch, irgendeine isch nie zfride. Da chrampfsch Dr dr Allerheiligscht ab, springsch vo eim Halleluja zum andere und weisch vor luuter Herrje und Jesses Gott sälber nümme rächt, wo Gott hocket.

Und i däm ganze Towuwabohu inne machsch mal füf Minute Pouse, schnuufsch mal düre. Für füf Minute beziehsch einisch, abr de würklech usnahmswies, die paar Prozäntli, wo sy im Stellebeschrieb grosszügig mit „Spiritualität“ betitle, insgeheim aber Pufferzone meine.

We das machsch, de chasch Dr de sicher sy, dass just i dene 5 Minüteli e sone Sprüchlieriesser drhär chunnt. Das isch de so sicher wie ds Amen i dr Chiuche. Und was erklärt er dä, we är Di so gseht «umeplöischle»? Genau, dä erklärt Dr, dass d Pfaffe sowieso nume am Sunntig schaffe.

Fadegrad seit er Dr’s nid. Da hätt er sech nid drfür. Är seit’s meh so luschtig. Meh so ine Spruch verpackt. Und es sig ja sowieso nid bös gmeint.

Üsserlech lächleni unter maximaler Asträngig möglechscht verständnisvoll. „Immer schön christlech bliebe“, murmle i drbi mantra-artig vor mi häre. Innerlech frag i mi allerdings, ob sech mi Chef, also dr Jesus, o emal serigi Sprüch het müesse alose, öb är o so doof und sprachlos grinset het, wie ig itz oder ob er däm souluschtige Sprüchliriesser ächt nid doch grad e saftigi Bärgpredigt um d Ohre ghoue hätti.

Item, i cha’s nid ändere, grinse witer und säge nüt. Einisch meh. Und daheim säg i mr das, wo i mr jedes Mal säge: Ds nächscht Mal liesisch dene Spassvögel mal d Levite. Ds nächscht Mal bisch schlagfertiger. Ds nächscht Mal housch ufe Tisch, da ruumsch dene mal ihre Souschtall vomene Wältbild uf.

Wie dr Chef anno dazumal, wo är in Jerusalem dene Herre und Dame dr Tämpelmarkt ordentlech düregstrählt het. Dä het sech nämlech o nid geng alles la gfalle. Oder bi sine Jünger. Wie mängisch hei die Jungspunde gmeint, sie wüsse itz, wie dr Charre louft? Und wie mängisch hei sie dä Charre wieder i Sand gsetzt? Gfühlt einisch pro Bibelsite het Jesus die Tschupele i die richtigi Richtig müesse bugsiere, will sie’s wieder nid checket hei. Es Chrüz isches gsy mit näh.

Ir Liebi isch mä äbe nid nume geng eis Härz und ei Seel, da schtöh Dr o emal ordentlech d Haar ds Bärg, da git’s o mal Füür im Dornbusch. Und bir göttleche Liebi isch es nid viel anders. Es heisst ja i dr Bibel: „Ertragt einander in Liebe.“ Ertrage, nid hofiere, nid schmüsele.

Aber guet, was heisst das itz für mi Fall? Söll i dene Sprüchliriesser us vollschtem Härze, us purluuterer Liebi wuchtig umegäh, oder witerhin ihri mässig luschtige Evergreens ertrage und istecke?

Genau gno het ja o dr Chef einiges igsteckt. Für die einte het är ds viel gfrässe, für die andere ds viel gsoffe. Mängisch sy sech die einte und die andere sogar einig gsy i dr Meinig, dass är ds viel frässi und ds viel suffi. Und das simultan während är sech zuesätzlech no mit dä falsche Lüt abgit – Schmarotzer, Pack, wo nid dahäre ghört.

Sprüchliriesser het’s denn scho gäh. Abr anders als i mim Fall het dr Chef einiges meh als dummi Bemerkige und Schlämperlig müesse istecke. Wo i so drüber nachedäiche, chum i mr blöd vor, dass mi dä Spruch däräwä ufgregt het. Und wo i witer drüber nachedäiche, merke ig, dass mi dä blöd Spruch uf hinterligschtigschti Art und Wies zumene spirituelle Gedankegang verleitet het. Hätt i mir die Zyt ohni dä Spruch gno? I dänkes nid.

Oder um’s i dä Wort vo mire liebe Muetter ds säge: „Mä cha no vom gröschte Löu öpis lehre.“

«Einer für alle, alle für einen.» – Gedanken in NoBillag-Zeiten

«Einer für alle, alle für einen.» So lautet der Wahlspruch der Schweiz. In lateinischen Lettern findet man ihn in der Kuppelhalle des Bundeshauses. Seine Wurzeln hat das inoffizielle Motto im 19. Jahrhundert. Als 1868 Herbststürme über die Schweizer Alpen und durch das Tessin fegten, kam es zu enormen Überschwemmungen. Was folgte, kann gut und gerne als eine der ersten nationalen Hilfsaktionen gesehen werden. Während die Kantone zuvor meist ihrem Schicksal überlassen blieben, wurden nun Soldaten zur Unterstützung entsandt. Der Bundesrat rief derweil schweizweit zu Spenden auf. Diesen Ball nahm die Presse auf und gab ihn weiter. Ihr Appell an die Schweizerinnen und Schweizer: «Einer für alle, alle für einen.» Die Folge war eine beispiellose Solidarisierungswelle.

Für den Berner Umwelthistoriker Christian Pfister haben diese und ähnliche Ereignisse für die Schweizerische Eidgenossenschaft einen unvergleichlichen, identitätsstiftenden Charakter. Die Idee der solidarischen Willensnation mit ihren vier Landessprachen und ihrer kulturellen Vielfalt wird immer wieder reaktiviert. Zu recht. Denn obwohl sie unsere Vergangenheit vermutlich verklärt, gäbe sie uns doch Orientierung für Gegenwart und Zukunft. In der Neujahrsansprache von 2013 etwa erklärte der damalige Bundespräsident Ueli Maurer: «Einer für alle, alle für einen. (…) Oder ganz einfach ausgedrückt: Miteinander und füreinander. Das ist so etwas wie eine Erbschaft, ein Vermächtnis.»

Aber abseits von Schutt und Schlamm ist es mit diesem Vermächtnis nicht weit her. Ein anderes Credo hat sich im unspektakulären Alltag eingeschlichen. Eines, das sich weitaus weniger elegant liest. Es lautet: «Was habe ich davon?» Und dieses Credo erodiert den solidarischen Boden, auf dem unsere Gesellschaft steht.

Nicht der Islam oder die angebliche Überfremdung bereiten mir Sorgen. Meine Sorge gilt viel mehr jenem «Ich», das sofort abspringt, wenn es gerade keinen Nutzen für sich sieht. Wir selbst sind es, die auf diese Weise unsere Kultur aushöhlen und die Rede von den guten alten Werten endgültig zur hohlen Phrase werden lassen. So gesehen bei der Kirchenmitgliedschaft und natürlich bei der NoBillag-Initiative. Keine dieser Institutionen ist sakrosankt und jede von ihnen hat deutliche Schwächen.

Unsere Landeskirche ist ein Stückwerk, bei dem ich gelegentlich beinahe die Nerven verliere. Dennoch halte ich an ihr fest. Weil ich ihren Beitrag zum «Wir» für grundlegend halte. Weil sie dort hingeht und sich einsetzt, wo für das «Ich» eben nichts mehr zu holen ist. Als Pfarrer bin ich auch für Menschen da, die aus der Kirche ausgetreten sind. Für mich ist klar: Die frohe Botschaft gilt allen.

Auch mit der Billag habe ich so meine liebe Mühe. Ich wage zu behaupten, dass ich noch nie einen freundlichen Billag-Mitarbeiter am Hörer hatte. Dennoch bezahle ich die Gebühr. Ich bezahle sie auch dann, wenn wieder einen Sommer lang nichts als Fussball im TV läuft und «ich» als Sportmuffel rein gar nichts davon habe. Denn letztendlich bezahle ich nicht für mich, sondern für uns. Ich bezahle dafür, dass nicht allein meine Interessen befriedigt werden, sondern unsere.

Die Billag gehört vielleicht komplettüberholt, aber abgeschafft gehört sie nicht. Denn mit den eingezogenen Geldern werden – so gut es Menschen eben gelingt – «unsere» Kulturen gepflegt und weitergegeben. Jene, die sich in unseren vier Landessprachen wiederspiegeln; in unseren unzähligen regionalen Gebräuchen; in unserem unsterblichen «Kantönligeist» und unseren grundlegenden Werten – auch den christlichen. In Zeiten des angeblichen Wertezerfalls sollte uns dafür nichts zu teuer sein.

Man kann sich gerne einreden, dass private Unternehmen diese Kulturen und Werte schon weiter ausgewogen pflegen würden, solange es eine Nachfrage und also auch einen Nutzen gibt. Das kann sein – auch wenn ich es beim Blick auf die US-Medienwelt bezweifle. Aber auf dem Grund unserer Geschichte sind wir eben keine Nutzennation, sondern eine Willensnation. Die Kultur, die alle unsere Kulturen eint, fragt nicht nach dem «Ich», sondern nach dem «Wir». Sie lässt sich in einem einfachen Credo zusammenfassen: «Einer für alle, alle für einen.» In diesem Sinne: Nein zu NoBillag.