Abschied vom westlichen Gottessohn

Bis heute habe ich mich mit dem Namen Jesus Christus nicht recht angefreundet. Zu oft habe ich ihn von Menschen gehört, deren Ansichten über das Christentum ich manchmal nur schwer, manchmal gar nicht teilen konnte und kann. Zu oft wollen mir Menschen sagen, was Jesus will und nicht will und zu oft beschleicht mich dabei der Eindruck, dass das weniger etwas mit Jesus und mehr mit ganz persönlichen Weltbildern zu tun hat. Auch wenn ich zu der Gemeinde spreche, bekomme ich den Namen Jesus nur schwer über die Lippen. Er wirkt wie ein Fremdkörper. Höre ich den Namen Jesu, so baut sich vor meinem inneren Auge unvermittelt ein gewaltiger, richtender Moralapostel auf – nicht gerade sympathisch. Allerdings ist das nicht die Schuld von Jesus, dass sein Name Unwohlsein in mir auslöst.

Auf einem Autoaufkleber las ich kürzlich: „Ich habe nichts gegen Gott. Es ist sein Fanclub, den ich nicht ausstehen kann.“ Und auch Pedro Lenz, der in seinem Text „Öpis gloubeni gloub scho“ die Perspektive von kritischen Kirchendistanzierten einnimmt, sagt: „Drbi säge i o gar nüt gäge dä Jesus Christus, coole Typ gsi denzumal, cha mä nid vil säge. Das mit dä Fische denn und däm Brot, woner verteilt. Odr dä mit däm Rotwy a dere Hochzyt dörte, eifach das Wasser gschwing i Wy verwandelt, obe use, dä muesch zersch bringe. Nei, dr Jesus sälber, dä isch okay gsi u nächhär respäktlos behandlet worde vo däm Statthalter dört, däm Pontius Pilatus-Typ – chasch aues ir Bible nacheläse.“

Wenn ich mich mit Freunden über ‚Gott und die Welt‘ unterhalte, stelle ich oft fest, dass das Problem nicht Jesus ist. Den finden tatsächlich fast alle eigentlich ganz in Ordnung. Ganz und gar nicht in Ordnung finden viele jedoch das institutionalisierte Christentum. Kaum einer von den vielen Wegen, wie die verschiedenen Kirchen Gottes Liebe verkünden, stösst bei Kirchenfernen auf Gegenliebe. Warum ist das so? Warum wird Jesu Vermächtnis weitgehend anerkannt, die Verwaltung dieses Vermächtnisses aber mehrheitlich abgelehnt? Es mag daran liegen, dass die Verkündigung der ‚frohen‘ Botschaft entweder zu angestaubt oder aber zu absolut daher kommt und dass sie zu den ‚wirklichen‘ Problemen kaum je etwas hilfreiches zu sagen scheint. Pedro Lenz sagt es: „Jesus Christus, coole Typ gsi denzumal“ – dazumal, nicht heute, nicht jetzt, nicht bei mir.

Aber nicht nur bei uns, sondern in der ganzen Welt hat das Christentum einen schweren Stand – und das keinesfalls grundlos. Christentum, das ist die Religion des weissen Mannes, des Kreuzritters, des Kolonialisten, des Sklavenhalters, des Imperialisten und des westlichen Kapitalisten. Die christliche Religion hat Europa und damit den Westen insgesamt derart tiefgreifend geprägt, dass man die beiden bald einmal in eine äusserst unnatürliche Einheit zwängte. Die westliche Kultur wurde zur christlichen Kultur und so erhielten die ‚Werke‘ des Westens einen christlichen Anstrich. Der Sklavenhalter rechtfertigte seine Gewalt mit der Bibel ebenso wie der Kreuzritter. Imperialisten und Kolonialisten betrachteten ihr christliches Weltbild als das einzig legitime – in der Folge zwängten sie es anderen auf. Ähnliches lässt sich beim Kapitalisten beobachten, der kein anderes als sein eigenes System duldet. Ein System, dessen Leistungs- und Absolutheitsanspruch auch im Christentum wurzelt. Nicht das Christentum selbst, sondern vor allem jenes Christentum, das einen Gottessohn nach westlichen Massstäben predigt, steht schlecht da. Es steht so schlecht da, dass zu oft alles Gute, was der christliche Glaube zu bieten hätte, im Keim erstickt wird.

Mahatma Gandhi schreibt in seinem bekannten Text über die Bergpredigt: „Wir in Indien sind der missionarischen Institution gegenüber, die uns vom Westen erreicht hat, misstrauisch geworden wegen ihrer westlichen äusseren Erscheinung. – Verwechselt nicht das, was Jesus gelehrt hat, mit dem, was als moderne Zivilisation gilt. Ich frage euch, die ihr Missionare seid – tut ihr nicht unbewusst den Leuten, mit denen ihr lebt, Gewalt an? Ich versichere euch, es gehört nicht zu eurer Berufung, die Menschen des Ostens zu entwurzeln.“

Wer jetzt meint, dass es mit dem christlichen Kulturimperialismus längst ein Ende genommen hat, täte gut daran, einen Blick nach Afrika zu werfen. In Uganda etwa predigen fundamentalistische Missionare ein Evangelium der Exklusion. Die Folgen sind in ihrer Grausamkeit kaum zu übertreffen und zerrütten das eh schon gepeinigte Land schwer. Bischof Desmond Tutu sagte einmal: „Als die Missionare nach Afrika kamen, hatten sie die Bibel und wir das Land. Sie sagten: ‚Lasst uns beten‘. Wir schlossen unsere Augen. Als wir sie wieder öffneten, hatten wir die Bibel und sie hatten das Land.“ Kein gutes Zeugnis für das ‚christliche‘ Auftreten des Westens in der Welt.

Ein uns etwas ‚näheres‘ Beispiel dürften die Attentate von Paris sein, bei denen im Januar 2015 islamische Extremisten mehrere Menschen getötet haben. Als Folge davon kam es zu einer beinahe globalen Solidarisierung der Menschen und einer Verurteilung jeglicher Gewalt – auch von islamischer Seite. Eine Woche später erschien die neue Ausgabe der Satire-Zeitschrift und wurde ‚zur Verteidigung der demokratischen Presse- und Meinungsfreiheit‘ in Grossauflage über den ganzen Globus verteilt, unzählige Zeitungen und Magazine übernahmen gar das Cover. Damit wurden viele gläubige Muslime und Musliminnen, welche die Attentate verurteilt und sich mit Paris solidarisiert hatten, in ihrem religiösen Empfinden beleidigt. Solidarität ist keine Einbahnstrasse. Unter Solidarität könnte man auch respektvolle Zurückhaltung gegenüber jenen verstehen, die wie wir Gewalt ablehnen. Nur weil der Westen über die Möglichkeiten verfügt, seine Stimme über alle anderen zu erheben, heisst das nicht, dass er dies auch tun sollte. Viel eher führt das zu dem, was Goethe in seinem Zauberlehrling einst so treffend auf den Punkt brachte: „Die ich rief, die Geister, werd‘ ich nun nicht los.“ Mittlerweile haben sich beispielsweise rechts-fundamentalistische Bewegungen auf ihre ‘christliche Kultur’ berufen, um gegen den Islam als Ganzem Stimmung zu machen, während in muslimischen Ländern lautstarke Proteste gegen die neuste Ausgabe des Satiremagazins stattfinden.

Die Jahreslosung von 2015 lautet: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob“ (Röm 15,7). Ich bin sehr dankbar für diese Losung, weil sie den Schwerpunkt auf ein Christentum legt, das dieser Tage wieder einmal heilsam wirken könnte. Da ist nicht Rede von Bekehrung oder Belehrung. Da ist kein Hoheitsanspruch, sondern allein die Aufforderung zu einer Tat, die Geist wie Körper gleichermassen herausfordert: Annahme. Christus, so erzählen es seine Nachfolger in den Evangelien, hat alle Menschen angenommen – besonders jene, die von vielen damals nicht angenommen wurden, weil sie nicht ihrem Weltbild entsprachen. Wenn wir die Menschen immer wieder neu anzunehmen versuchen, dann stimmen wir damit in den Chor des Gotteslobes ein. Manch ein Mensch würde anstatt Gotteslob vielleicht lieber sagen, dass er den Menschen damit etwas Gutes tut. Ich denke, dass die Interpretation zweitrangig ist. Man muss weder Christus noch die westliche Lebensweise anerkennen, um ein gottgefälliges Leben zu führen. Und ein ‚gottgefälliges‘ oder ‚humanistisches‘ Leben sagt nichts über unsere Rettung aus, sehr wohl aber über uns und unser Handeln an und in dieser Welt. Denn die Interessen Gottes, das sagt mir die Jahreslosung, gehen Hand in Hand mit unseren Interessen. Verstehen wir unter Annahme Dinge wie Respekt, Anstand, Gewährung von Freiheiten, Rücksicht und Demut, dann ist das eine Lehre Jesu, die gerade heute, gerade jetzt und gerade bei mir eine grosse Bedeutung hat.

Die demütige und also auch zurückhaltende Haltung, die in der Losung indes mitschwingt, kann für die Sichtbarkeit eines humanistischen Christentums in Abgrenzung zu einem westlichen nur förderlich sein. Gandhi schreibt in diesem Zusammenhang: „Trotz eures Glaubens an die Grösse der westlichen Zivilisation und trotz eures Stolzes auf diese Errungenschaften bitte ich euch, bescheiden zu sein. Ich bitte euch, lasst etwas Platz für ehrlichen Zweifel. Lasst jeden von uns sein eigenes Leben leben; und wenn wir das rechte Leben leben, warum die Eile?“ Vielleicht ist es ganz in Ordnung, dass der coole Jesus von damals heute nicht mehr dieselbe Bedeutung hat wie ‚dazumal‘. Die Welt rückt nah und jeder muss ein wenig von seinem Platz abgeben. Wenn das stimmt, was über Jesus in der Bibel steht, tut er das sicher gerne, wenn es dazu führt, dass wir einander annehmen können.