Zum Geburtstag des Berner Värslischmieds

Lieber Mani,

darf ich Mani sagen? Es scheint mir, als würde ich Dich schon eine Ewigkeit kennen. Wie mir geht es wohl unzähligen anderen, die mit Deinen Liedern gross geworden sind. Wir kennen Dich freilich nicht so, wie Deine Weggefährtinnen und Weggefährten – Deine Frau Joy Matter oder Nydegg-Pfarrer Kurt Marti etwa.

Als ich noch klein war, hatten wir eine Kassette von Dir. Ir Ysebahn. Die Kassette hatte schon meiner Mutter gehört. Fast jeden Abend hat mich Deine Stimme in den Schlaf begleitet. Fast jeden Abend haben ich und meine zwei Brüder Dir zugehört, wenn Du über existentielle Nasenchirurgie, die Tücken des Amtes und die Fragilität der Schweizerischen Eidgenossenschaft sinniert hast. Noch heute staune ich darüber, wie Du selbst schwierige Themen in scheinbar leichte und geschmeidige Worte gehüllt hast. Scheinbar. Du seist ein sehr genauer Värslischmied gewesen, erzählt man sich, habest oft Ewigkeiten an Deinen Texten getüftelt. Dass Deine Lieder keineswegs frei von Ernsthaftigkeit sind, habe ich bereits früh gespürt. Sie sind aufrichtig. Sie beschönigen die Realität nicht, sie verführen zum Hinterfragen. Vielleicht habe ich mich deswegen so in ihnen geborgen gefühlt, weil sie mir das alles zutrauten. Weil sie mich ernst nahmen.

Und doch hast Du mir erlaubt, zu flüchten. Wenn wir Brüder durch die Holzdielen des alten Bauernhauses unsere Eltern streiten hörten, wenn mein Vater in der Nacht wie eine Naturgewalt betrunken durch das Haus donnerte, konnte ich mich nach Deiner Stimme richten. Konnte ich Deinen Worten folgen, die mich letztendlich doch sanft in den Schlaf sinken liessen. Deine Lieder bedeuten für mich Geborgenheit. Noch heute singe ich mir in schwierigen Momenten leise mit ihnen Mut zu. Ich singe von der „Ysebahn“, von der „Chue am Waldrand“, vom „Sidi Abdel Assar vo el Hama“.

Später bin ich auf weitere Deiner Texte gestossen. In einer Bücherei fand ich Dein Rumpelbuch. Über Dein Doppelbett kann ich noch heute herzhaft lachen. Ich fand aber auch immer wieder Impulse, die mir für meinen eigenen Weg wichtig wurden. Etwa Deine Worte zur Tradition. „Was unsere Väter schufen, war, da sie es schufen, neu. Bleiben wir später den Vätern treu, schaffen wir neu.“ Ein Satz, so simpel er ist, der mich in meinem theologischen Studium immer wieder herausgefordert hat und herausfordert, neu und anders zu denken, weitere Perspektiven einzunehmen und im Blick auf unsere Ahnen – von Deiner „Ahneforschig“ weiss ich, dass die Vererbung nicht unwesentlich ist – mutig weiterzugehen. Zugegeben, oft fehlt mir dieser Mut. Aber Gott sei Dank bleiben mir ja auch noch Deine Lieder.

Die Eigenschaften, die Deine Texte und Lieder auszeichnen sind für mich, mein theologisches Arbeiten und vor allem für mein noch zaghaftes Predigen wegweisender als manche kluge Homiletik geworden. Du hast immer ganz genau hingeschaut, hast Deinen Zuhörerinnen auch die Melancholie und den Zweifel zugetraut. Du hast sie lachen lassen und liessest sie auch einmal Trauer spüren – etwa die eines Dällebach Kari. All das hast Du in nur scheinbar einfachen Worten gesagt. Mit Deinen Worten hast Du es mir dennoch leicht gemacht, Deiner Stimme zu folgen. Zu Deinem 80. Geburtstag, lieber Mani, danke dafür!

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