Beten & das Gerechte tun

bonhoeffer_dietrich_

Vor kurzem stiess ich per Zufall auf Bonhoeffers «Gedanken zum Tauftag von D.W.R.» vom Mai 1944. Der Text ist wohl nicht nur aus heutiger Perspektive ein Wechselbad der Gefühle. Er erstaunt und entmutigt mich. Und doch stimmt er mich irgendwie hoffnungsvoll. Erstaunt bin ich, weil Bonhoeffers Text beinahe gerade so gut in diesen Tagen hätte geschrieben werden können. Entmutigt, weil sich seit 72 Jahren offenbar immer wieder dieselben Fragen stellen und nur wenig geschieht. Hoffnungsvoll bleibe ich, weil mich allen Widrigkeiten zum Trotz Bonhoeffers Zuversicht und Vision begeistern. Aber lest selbst:

«Du wirst heute zum Christen getauft. Alle die alten grossen Worte der christlichen Verkündigung werden über Dir ausgesprochen und der Taufbefehl Jesu Christi wird an Dir vollzogen, ohne dass Du etwas davon begreifst. Aber auch wir selbst sind wieder ganz auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen. Was Versöhnung und Erlösung, was Wiedergeburt und Heiliger Geist, was Feindesliebe, Kreuz und Auferstehung, was Leben in Christus und Nachfolge Christi heisst, das alles ist so schwer und so fern, dass wir es kaum mehr wagen, davon zu sprechen. In den überlieferten Worten und Handlungen ahnen wir etwas ganz Neues und Umwälzendes, ohne es noch fassen und aussprechen zu können. Das ist unsere eigene Schuld. Unsere Kirche, die in diesen Jahren nur um ihre Selbsterhaltung gekämpft hat, als wäre sie ein Selbstzweck, ist unfähig, Träger des versöhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen und für die Welt zu sein. Darum müssen die früheren Worte kraftlos werden und verstummen, und unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neugeboren werden aus diesem Beten und diesem Tun. Bis Du gross bist, wird sich die Gestalt der Kirche sehr verändert haben. Die Umschmelzung ist noch nicht zu Ende, und jeder Versuch, ihr vorzeitig zu neuer organisatorischer Machtentfaltung zu verhelfen, wird nur eine Verzögerung ihrer Umkehr und Läuterung sein. Es ist nicht unsere Sache, den Tag vorauszusagen – aber der Tag wird kommen –, an dem wieder Menschen berufen werden, das Wort Gottes so auszusprechen, dass sich die Welt darunter verändert und erneuert. Es wird eine neue Sprache sein, vielleicht ganz unreligiös, aber befreiend und erlösend, wie die Sprache Jesu, dass sich die Menschen über sie entsetzen und doch von ihrer Gewalt überwunden werden, die Sprache einer neuen Gerechtigkeit und Wahrheit, die Sprache, die den Frieden Gottes mit den Menschen und das Nahen seines Reiches verkündigt. ‘Und sie werden sich verwundern und entsetzen über all dem Guten und über all den Frieden, den ich ihnen geben will’ (Jerem. 33,9). Bis dahin wird die Sache der Christen eine stille und verborgene sein; aber es wird Menschen geben, die beten und das Gerechte tun und auf Gottes Zeit warten. Möchtest Du zu ihnen gehören und möchte es einmal von Dir heissen: ‘Des Gerechten Pfad glänzt wie das Licht, das immer heller leuchtet bis auf den vollen Tag’ (Sprüche 4,18).»

Aus: Bonhoeffer, Dietrich, Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, hgg. von Bethge, Eberhard, 131985, 152f.

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