Atomausstieg: Wo chiemte mr hi?

(Vorsicht Galgenhumor)

Es ist wieder Abstimmungszeit! Auf nationaler Ebene ist unsere Meinung dieses Mal nur in einem Punkt gefragt: Es geht um die strahlend schönen ‚Betonklötze‘, die gleich fünfmal in der Schweiz zum Sightseeing einladen. Wollen wir die lieber früher als später loswerden? Denn loswerden wollen wir sie ja. Nur eben nicht heute.

Wobei von ‚loswerden‘ keine Rede sein kann. Die Geister, die wir riefen, werden wir nun nicht mehr los. Atommüll ist eine «never-ending Story» – eine ohne Happyend. Die Schweizerische Energie-Stiftung schreibt: «Atommüll ist ein strahlendes Erbe für 1 Million Jahre.» Selbstverständlich ist das eine – wissenschaftlich gut gestützte – These. Denn so genau wissen wir es nicht, weil wir eben noch nicht so lange im Strahlenbusiness tätig sind. Wir wissen nur, dass die Endlagerung von Atommüll nach wie vor ein ungelöstes Problem darstellt, dass in Tschernobyl ein Gebiet in der Grösse des Kantons Tessin seit 30 Jahren verstrahlt und unbewohnbar ist und dass besagter Kanton dank Tschernobyl bis heute verstrahlte Wildschweine beherbergt.

Klar, Tschernobyl ist lange her. Fukushima auch schon ein bisschen. Hätten wir im April 2011 über den Ausstieg abgestimmt, es wäre wohl eine beschlossene Sache gewesen – meine ich. Hiobsbotschaften sowie Schreckensbilder in den Medien und dieses unangenehme Gefühl von Unsicherheit sind die beste Propaganda. Nur dass die Botschaften langsam ausblieben, die Unsicherheit abflaute und selbst die Ängstlichsten ihre Kaliumodid-Tabletten irgendwann wieder in der hintersten Ecke ihres Medizinschränkchens verstauten.

Und überhaupt: ‚So etwas kann bei uns ja gar nicht passieren. Unsere Kernkraftwerke sind viel sicherer als die der anderen. Die anderen haben das mit der hohen Sicherheit zwar auch gesagt, aber die hatten halt eben keine Ahnung.‘ Wenn wir so reden, vergessen wir Lucens 1969. Dass die Schweiz bisher von schlimmeren Zwischenfällen verschont geblieben ist, ist Glück. Das muss man wohl so sagen, wenn man als Nachbarn einen AKW-Junkie wie Frankreich hat. Dort sind gleich 58 architektonische Meilensteine in Betrieb.

Nun haben natürlich die Gegner der Initiative ihrerseits auch Argumente gegen den Ausstieg. Argumente, die durchaus zu bedenken sind. Einige zumindest. Zum Beispiel produzieren unsere fünf Beton-Beauties rund 40% unseres Stroms. Fielen die weg, müssten wir allenfalls Energie aus dem Ausland beziehen – dreckige Energie. Das sei heuchlerisch. Klar, dass wir den Dreck dann lieber gleich selber machen. «Meh Dräck» ist halt längst Kult hierzulande. Allerdings gibt es so auch keinen Grund, in der Schweiz vorwärts zu machen in Sachen alternative Energie. Die AKWs laufen ja noch. Dabei stehen nachhaltige Konzepte längst in den Startlöchern.

Gerne werden auch finanzielle Argumente angeführt. Das wirtschaftliche Totschlagargument hat in der Schweiz noch immer funktioniert. In meinen gefühlten «Top 10» der schlagenden Abstimmungsargumente rangiert es auf Platz eins, dicht gefolgt von Sicherheit und Familie – aber eben nur dicht gefolgt. Anstatt den Islam permanent zum Staatsfeind Nr. 1 zu küren, würden wir guten Christen und Christinnen uns lieber mit den Zeitbomben in unserem Garten auseinandersetzen – «wer frei von Sünde ist …»

Apropos Bibel – betreffend Kernenergie ist mir Kurt Marti immer wieder Inspiration. Der Berner Theologe und Pfarrer hat sich bereits in den 80ern entschieden gegen Atomenergie eingesetzt: «Es gibt nur einen sicheren Atomreaktor: den stillgelegten oder erst gar nicht gebauten» (Notizen und Details, 1964-2007)! Dass es Christen geben könnte, die sich für Atomenergie aussprechen, kann er sich beim besten Willen nicht vorstellen.

Es gibt ein Gedicht von Marti, dass mir bei genau solchen Fragen immer wieder in den Sinn kommt. Sie kennen es vermutlich: «Wo chiemte mr hi, wenn alli seite, wo chiemte mr hi und niemer giengti für einisch z’luege, wohi dass me chiem, we me gieng» (Rosa Loui). Es ist gut möglich, dass wir bei einem Ausstieg Übergangslösungen suchen müssen, dass wir mit unserem Energieverbrauch in Bedrängnis geraten, dass wir kürzertreten müssen. Die Notwendigkeit von Verzicht lässt sich nicht schönreden. Sie lässt sich früher oder später aber auch nicht mehr leugnen. Der vom Bundesrat favorisierte Ausstieg 2050 läuft nach dem Motto: «Was Du heute kannst besorgen, das verschiebe ruhig auf morgen.» Das Problem ist, dass wir das schon viel zu lange gemacht haben.

Die Schweiz versteht sich gerne als ein Land der Innovation. Jetzt ist so eine Zeit der Innovation. Jetzt sind die kreativen Denker und Macher gefragt. Die Schweiz versteht sich auch gerne als ein Land des Fortschritts. Dann lasst uns um Himmels und aller Menschen Willen einen Schritt nach vorne tun. Zweifelsfrei können wir in dieser Frage keine Pioniere mehr sein, dafür haben wir es uns zu lange in unseren Atomstrom-beheizten, vermeintlich sicheren Wohnzimmern gemütlich gemacht. Aber wir könnten zumindest schauen, wohin wir kämen, wenn wir denn gingen. Darum, lasst uns mutig sein: Atomausstieg, ja!

Ceterum censeo, dass in Zürich diese unsäglich unchristliche EDU- Initiative nur in eine Richtung gehört – bachab.

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