Klimagrünschnäbel

Heute wurde ich in einem Kaffee einmal mehr unfreiwilliger Zeuge des fast schon zeitlosen Dialogs zur derzeitig einmalig unflätigen Jugend. Ihr wisst schon, die verwöhnten Grünschnäbel, die von nichts eine Ahnung haben, aber alles besser wissen. Ein Klassiker der Neuzeit.

Als ultimativer Beweis wurde dieses Mal ein Geschwisterpaar angeführt, das am Nachmittag offenbar gegen den Klimawandel demonstrierte und abends bei den Eltern zwecks Geld für Ferien am Meer «Bittitbätti» machte. Da geht was nicht auf, keine Frage. Da musste ich den alten, weissen Herrn, die da engagiert die Köpfe zusammen steckten, während selbige ob der Thematik rot und röter wurden, schon Recht geben.

«Denen gehört mal das Handy weggenommen und die Heizung abgestellt», warf einer pflichtbewusst ein. Ich nickte so unauffällig wie möglich. Nicht, dass ich ihm durchweg recht gegeben hätte, aber irgendeiner muss das ja sagen, sonst hätte an dem Gespräch was gefehlt. Ein anderer meinte nach einer längeren Zeit erbosten Kopfschüttelns gar: «Die gingen mal besser in die Schule. Dann würden sie etwas Rechtes lernen.» Hätte er es nicht gesagt, ich hätte es selbst getan.

Den Grossen und Alten kann man’s nicht recht machen. Entweder man ist faul oder zu verwöhnt oder zu dumm, um sich für die richtige Sache richtig einzusetzen. Wobei, ob es die richtige Sache ist, diese Klimageschichte, ist hinter vorgehaltener Hand ja durchaus strittig. Manch ein Herr möchte die ganze Hysterie ebenso gerne leugnen wie das einstige Waldsterben, das ohnehin nie eingetreten ist. Er würde gerne, aber die Beweislast ist lästig erdrückend. Immerhin sagen 97% der Profis, dass der Klimawandel nicht nur existiert, sondern zu allem Unglück auch noch menschengemacht ist. Ich meine, 97%, das sind verdammt viele von denen, die einmal «etwas Rechtes gelernt» haben. Und weil Mann sich mit Argumenten nicht mehr zu helfen weiss, gibt es verbale Hiebe – zum Beispiel auf 16-jährige Mädchen. Ganz grosses Kino Leute, Ihr hättet besser mal «etwas Rechtes gelernt», Anstand zum Beispiel.

Aber noch mehr wünschte ich mir, Ihr mit Eurer grossen und unübertroffenen Weisheit hättet erkannt, dass diese Sache mit der Welt eine unglaublich verworrene Kiste ist. Und dass man darum nicht alle in eine Kiste werfen kann. Zwei Teenager, die nach der Klima-Demo gen Spanien fliegen wollen, heisst noch nicht, dass alle Jugendlichen grundsätzlich und ausschliesslich bekloppte Heuchler sind. Da könnte ja jeder kommen: Was wäre das zum Beispiel für eine Welt, in der der faule Bauer mit dem wortwörtlichen Saustall die ganze Landwirtschaft in Verruf bringen kann? Oder ein scheinheiliger Pfarrer die gesamte Geistlichkeit … Gut, das letzte Beispiel war nicht aus der besten Luft gegriffen.

Ich wünschte mir, Ihr würdet Euch daran erinnern, wie wir damals gegen unsere Eltern rebelliert haben, wie auch wir so manches anders gesehen haben. Ich wünschte, Ihr würdet zuhören, wie uns nicht zugehört worden ist; diskutieren, wie mit uns nicht diskutiert worden ist. Ich weiss, ich weiss: Träum weiter. Aber wenn es uns schon an Liebe füreinander und Glaube aneinander mangelt, so lasst mir wenigstens die törichte Hoffnung.

Ich wünschte, Ihr würdet sehen, dass auch uns in der Welt der Durchblick fehlt. Dass auch wir nicht alle Zusammenhänge begreifen. All die Halbwahrheiten und klugen Sprüche der abtretenden Garde, das überhebliche Gehabe hinab auf eine freilich fehlbare Jugend, die stolpernd nach neuen Wegen sucht. Damit ist nichts erklärt. Damit ist niemandem geholfen. Das ist nichts, worauf wir stolz sein können.

Man müsse ja schon etwas machen, erklärte einer der Herren. «Aber die würden besser mal in Brasilien anfangen oder in China oder …» « … oder bei Glencore, oder bei Syngenta, oder bei Metalor», ergänze ich in Gedanken. Alles Schweizer Firmen, die weltweit Land und Leute ausnutzen. Oder bei den Waffenexporten – «swiss made» und bald schon in einem Bürgerkriegsland in Ihrer Nähe. Durchgewunken von jenen Politikern, die den Klimawandel ins Lächerliche herabwürdigen, während sie zeitgleich die Flüchtlinge zur Trittbrett-fahrenden Dämonenbrut hochstilisieren. Jene, die Waffen in Bürgerkriegsländer verkaufen wollen und jene, die die Flüchtlinge aus eben diesen Kriegsgebieten lieber ersaufen lassen – das sind viel zu oft dieselben.

«Ja, etwas machen muss man», doppelt ein anderer Herr nach. «Aber nicht so, wie diese Saugoofen.» Einen alternativen Lösungsvorschlag hat er nicht parat. Auch das gehört zu diesem klassischen Dialog.

Ich bezahle, verlasse das Lokal ohne ein Wort. Ich habe nichts gesagt. Ich habe nichts gemacht. Mit meinem Einweg-Plastiksäckli voller Kommissionen steige ich in mein Auto – kein E-Auto, aber auch dreckig. In Gedanken bin ich noch bei den weisen Männern. Aber etwas muss man machen, da haben die Herren schon recht, sage ich mir. Halt eben nicht so. Und vielleicht lieber auch nicht hier. Klar, etwas muss man machen.