In eigener Sache: Ich mach dann mal Pause

Im Netz ist jeder ein Experte. Ganz egal, ob er was von der Materie versteht oder nicht.

Das Teilen ungeprüfter Inhalte reicht völlig. Die Meinung wird zum Fakt und die Realität geleugnet, als Lüge von Medien und Wissenschaftlern abgestraft. Ein Klick auf den «Teilen»-Button genügt.

Vermutlich ist mir das vor lauter Tatendrang auch schon öfters passiert, dass ich nicht genau hingesehen habe, was ich da teile. Dass ich nicht kritisch und reflektiert genug war. Weil ich dachte, es müsse sich was ändern. Weil ich irgendetwas las und dachte «Ja, genau! Recht hat er!». Dabei waren die Zahlen und Fakten nicht aus der allerbesten Luft gegriffen.

Mit absoluten Aussagen und der Verbreitung von Fake News, die bloss unsere Gesinnung unterstreichen, ändern wir kaum etwas. Wir sorgen nur dafür, dass der Graben zwischen den Menschen wächst. Dass Misstrauen zunimmt, Hass anschwillt und die Angst regiert. Die Angst vor dem Fremden, von dem wir eigentlich nichts wissen, aber halt als Feindbild herhalten muss.

Beim Halten der Predigt in der Christnacht hat mich aus dem Nichts heraus ein Satz zutiefst erschüttert: «Habt keine Angst.» Wir haben so viel Angst auf der Welt. Und wir verwenden soviel Energie auf diese Angst. Zumindest mir geht es so. Ich mag der Angst keinen Raum mehr geben. Keinen Millimeter mehr.

Denn ich habe gemerkt, dass das mir und meiner Nächstenliebe nicht guttut. Die Haut ist ein klein wenig zu dünn. Deshalb habe ich mich entschlossen, ab dem 1. Januar 2020 privat in Sachen Soziale Medien (Facebook, Twitter) erstmal eine längere Pause einzulegen. Anstatt fleissig zu teilen, will ich mich wieder mehr und vertieft den Quellen widmen. Ich möchte wieder mehr über das Gute schreiben, anstatt Raum und Energie an Negatives zu verschwenden. Ich möchte Kraft aus der christlichen Hoffnung schöpfen und mich nicht von irdischer Angst lähmen lassen.

Wer mag, darf gerne auch 2020 ab und an hier reinschauen. Oder Ihr dürft mir gut altmodisch einen Brief schreiben: Tobias Zehnder, Oberdorf 3, 3326 Krauchthal. Ich würde mich freuen und werde gerne antworten.

Menschlicher Advent

Besonders in der Adventszeit schalmeit mir fröhlich überall das «Christliche» entgegen. Gerade so, als wäre das irgendein Gütesiegel, das unsere ganze Hirnleistung auf Eis legt. Wenn christlich draufsteht, muss was Gutes drin sein. Da braucht es keine kritische Betrachtung mehr. Da wird die gute alte Bibel genauso widerspruchslos – und darum im eigentlichen Sinne unbiblisch – heruntergeschluckt wie jede andere verkappte religiöse Meinung, die ein vermeintlich frommer Geist im Mäntlein göttlicher Inspiration hingedreht hat.

Wenn dann noch der Wille Gottes dazu kommt, den einige – und darum beneide ich sie schier – offenbar ganz klar kennen, schalmeit es jeweils bei mir unerhört. Der göttliche Wille und das Prädikat «christlich» sind sehr grosse Worte für so kleine Geschöpfe wie unsereins.

Oft erlebe ich hinter solchen Prädikaten kaum Nächstenliebe und bedingungslose Annahme, sondern das paragraphenversessene Durchzwängen von dem, was man selbst Gott nennen will oder von Kindesbeinen an als solchen eingetrichtert bekommen hat. Oft spüre ich hinter solchen Prädikaten auch Härte und Verletzungen.

Ich selbst erlebe Gott am ehesten dort, wo es vor allem menschlich zu und her geht. Fernab aller Liturgie und Tradition. Vielleicht mehr bodenständig als heilig, eher fehlerhaft und weniger fromm. Vielleicht eher lebendig und rau als andächtig und nett, eher widersprüchlich und chaotisch als rein und regelkonform.

Es ist die Menschlichkeit, die uns fehlt. Für sie braucht es mehr Mut als jedes fromme Gewäsch und jede bibeltreue Wortklauberei, hinter denen wir uns verstecken und schützen. Wenn wir uns als Menschen zu erkennen geben, machen wir uns verletzlich.

Für die Adventszeit wünsche ich uns darum den Mut, einfach mal Mensch zu sein. Das Göttliche wird schon von selbst kommen. Als Mensch.