Das Erinnern vergessen – 75 Jahre Befreiung von Auschwitz

«Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.» Dieses Zitat des amerikanischen Philosophen George Santanayana begegnet mir, während ich im polnischen Konzentrationslager «Auschwitz I» wortlos entlang der ehemaligen Baracken schreite. Eine davon betrete ich. Ich gehe durch kalte Räume voller Schuhe, Koffer, Fotos und Töpfe. Sie haben einmal jemandem gehört.

Irgendjemand hat vor rund 80 Jahren in aller Eile seine Schuhe geschnürt und seine Habe in einen Koffer gepackt. Am Bahnhof angekommen, musste dieser Jemand seinen Namen auf den Koffer schreiben und ihn dann am Perron zurücklassen. Er bekomme ihn später wieder, sagten sie. Das Ziel der Reise war unbekannt. Es gab wohl Gerüchte, wohin die überfüllten Viehwaggons die Menschenmassen verfrachten. Aber die Geschichten von Folter, Mord, von Gaskammern und Krematorien wollten viele nicht recht glauben. Das würden die nicht wagen, sagten sich die Menschen. Sie wagten es doch.

Mein Weg führt mich vorbei an den Baracken. Ich passiere Stacheldrahtabsperrungen, die einmal unüberwindbar waren. Dahinter, verborgen unter einer bewachsenen Anhöhe, liegt ein Gewölbe. Der Eingang ist so klein, dass ich den Kopf einziehen muss. Über diese Schwelle wurden einst tausende Jemande geführt. Solche, die in den Augen der Machthaber zu jüdisch, zu krank oder sonst irgendwie störend waren. Sie alle gingen auf dem Weg in die Kammer durch diese kleine Tür.

Was in den Lagern von Auschwitz geschehen ist, ist beispiellos dafür, wozu Menschen fähig sind. «Nie wieder», sagten sich die Völker nach dem Krieg und verabschiedeten die Menschenrechte. Eine Grundlage dieser Rechte liegt in der Bibel im ersten Schöpfungsbericht. Gemeinsam mit den Juden glauben wir Christen, dass wir nach Gottes Ebenbild geschaffen sind. So werden wir besonders gewürdigt. Wir bekommen von Gott eine Würde, die uns kein Mensch nehmen darf.

Heute, so scheint es zumindest, sind die Menschenrechte bei uns in der Schweiz eine Selbstverständlichkeit. Die Erinnerung daran, warum sie nötig sind, verblasst allerdings: Bald gibt es keine Zeitzeugen mehr. Zeitgleich mehren sich die Stimmen, die von Dingen wie Auschwitz nichts mehr hören können oder wollen. Aber diese Wahl haben wir nicht. Auschwitz ist auch unsere Geschichte. Denn Auschwitz erzählt die Geschichte vom Versagen der Menschlichkeit. Daran müssen wir uns erinnern. Denn «wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.»

Anmerkung: Dieser Beitrag erschien 2019 bereits in der Emmentaler Zeitung „d’Region“.

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