Über die Angst

In der Welt haben wir Angst, das wusste bereits Jesus. Das fängt bei der Sorge um die richtige Kleiderwahl an und hört bei der Furcht vor dem Fremden noch lange nicht auf.

Eigentlich verständlich. Immerhin weiss jeder, dass Kleider Leute machen, falsche Kleider hingegen Aussenseiter. Gerade im Sommer, wo in den sozialen Medien überall der scheinbar perfekte Ferienlook zur Schau gestellt wird, wächst die Angst, nicht auszureichen – nicht schön, schlank oder modisch genug zu sein. Ich kenne das. Als Kind litt ich unter dem Feuermal auf meinem Gesicht. Es war augenfällig, dass ich anders bin. Die Blicke der Menschen erinnerten mich ständig daran.

Nicht selten erlebte ich, wie Leute mit offenem Mund vor mir stehen blieben oder sogar ihre Kinder wegzogen. Warum ich so gefährlich sei, dafür hörte ich die skurrilsten Erklärungen. Ein Mal war ich geistig behindert, ein anderes Mal ein Schläger und ein drittes Mal von Dämonen besessen. Dabei hatte ich weder etwas gesagt noch getan.

Das Andere macht Angst. Wie muss es da denen gehen, die nicht bloss ein Feuermal im Gesicht tragen? Wie muss es Menschen gehen, die wirklich mit einem Handicap leben? Oder solchen, die aus einer anderen Kultur kommen? Das Fremde macht Angst und darum steht es gerne mal unter Generalverdacht. Ob die Angst begründet ist, wird oft gar nicht hinterfragt.

Dabei ist Angst eine schlechte Ratgeberin. Gerade, wenn es darum geht, mit neuen Herausforderungen umzugehen, blockiert und verschliesst sie. Und wo Verschlossenheit und Furcht sind, sind Abwehr und Hass oft nicht weit.

In der Welt haben wir Angst. Ich denke, daran können wir wenig ändern. Es wird immer Momente geben, die uns das Fürchten lehren. Manchmal ist das auch gut. Bis heute habe ich vor jedem Gottesdienst Lampenfieber. Das hilft mir, mich zu konzentrieren. Oft ist Angst aber mehr schädlich als nützlich. Darum ist es wichtig, wie wir mit dem umgehen, was uns ängstigt. Gestehen wir uns unsere Ängste ein? Lassen wir uns von ihnen beherrschen oder versuchen wir, sie zu überwinden?

Ich glaube, ein guter Anfang wäre, aufeinander zuzugehen. So wie damals, als ich im Tram sass und eine Mutter wieder mal ihre kleine Tochter von mir wegzog. Die Kleine liess sich aber nicht beirren, löste sich aus dem mütterlichen Klammergriff, lief schnurstracks auf mich zu, zeigte auf mein Gesicht und fragte entschlossen: «Was ist das?» Als ich es ihr erklärt hatte, sagte sie «Ok», lächelte und ging zurück an ihren Platz. Ich war kein Fremder mehr. Es gab keinen Grund mehr, sich zu fürchten.

Anmerkung: Dieser Beitrag erschien 2019 bereits in der Emmentaler Zeitung „d’Region“.

Photo by Aarón Blanco Tejedor on Unsplash

2 Gedanken zu “Über die Angst

  1. Danke für diesen Text! Es gab in meinem Umfeld mal einen älteren Herrn mit körperlichen Ticks, vor dem ich etwas Angst hatte. Und wohl nicht nur ich: Ich sah nie jemanden mit ihm sprechen. Als wir mal am gleichen Tisch sassen, hab ich ihm hallo gesagt und ein paar Worte mit ihm gewechselt. Er hatte eine ganz feine Stimme und einen lieben, schüchternen Blick. Die Angst war völlig unbegründet und ich war so froh, dass ich ihn angesprochen habe!

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