Was zählt

Die ökumenische Kirche im Zürcher Hauptbahnhof verzeichnet so viele Gespräche wie noch nie, hörte ich vor einiger Zeit im Radio. Täglich machen ein paar hundert Leute im Schutz der Anonymität einen Zwischenhalt, um mit einer Seelsorgerin über das zu sprechen, was sie beschäftigt. Oft sind es psychische oder familiäre Probleme. Rolf Diezi, reformierter Seelsorger im Bahnhof, sagt dazu: «Unsere Gesellschaft ist härter geworden und die weichen Menschen leiden noch mehr als vorher.»

Bei aller Kritik, die sich Kirche gefallen lassen muss, darf diese Kernaufgabe ihrer Arbeit nicht vergessen werden. Sie ist kostenfrei, anonym und für alle Menschen zugänglich – egal ob Kirchenmitglied, Buddhist oder nichts von alledem. Und sie wird immer häufiger in Anspruch genommen, während gleichzeitig immer mehr Menschen der Meinung sind, Kirche sei bedeutungslos, überholt und nicht mehr unterstützungswürdig.

Zugegeben, auch ich hänge mein Herz nicht an die Institution Kirche. Sie ist ein austauschbares Gefäss, eine schüttere Bühne, auf der das Evangelium mehr schlecht als recht auf- und zuweilen sogar etwas vorgeführt wird. Wenn Gott Gott ist, hat er das alles gar nicht nötig. Seine Botschaft hat sich lange vor derartigen Institutionen Bahn gebrochen und sie wird es auch nach ihnen tun. Vielleicht sogar etwas befreiter und unbefangener als bisher.

Der ewige Gott ist wohl kaum angewiesen auf durchdachte Kirchenordnungen, präzise Protokolle oder die gewitzte wie moderne Nutzung historisch wertvoller Kirchengebäude. Gegen den Schweizer Theologen Karl Barth würde ich sogar behaupten, dass ihm auch die Musik ziemlich gleich-gültig sein dürfte. Ich stelle mir vor, wie er über unsere bemühten Versuche der jugendgerechten Unterweisung milde lächelt. Auch pfarrherrlichen Dünkel benötigt er vermutlich ebenso wenig wie leidenschaftliche Predigten oder biblisch-rechthaberische Wortklauberei. Das alles ist Staub und Schatten.

Das einzige, was für mich zählt, ist die Begegnung. Die wirkliche Begegnung, in der wir unsere Schutzwälle fallen und unsere Maskeraden sein lassen dürfen. Begegnungen, in denen wir einander davon erzählen, was uns begeistert, bewegt und beschäftigt – ungeschönt und ungeschminkt. Die Begegnung, in der wir merken: Wir sind die Gleichen – mit all unseren Narben, Geschichten und Wundern. Mit dem ganzen bisschen Glauben, das wir haben. Wir sind die Gleichen und darum nicht allein. In so einer Begegnung steckt mehr lebendiges Evangelium als in jeder heiligen Schrift.

Anmerkung: Dieser Beitrag erschien am 26. Februar 2020 in der Emmentaler Zeitung „d’Region“.

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