Kirche ist Meer

Ich öffne jetzt die Büchse der Pandora: Der Gottesdienst ist ein wenig wie «Wetten dass …?». Eine schöne Sache, aber irgendwann ist auch mal gut. Dumm nur, dass die allsonntägliche Feier sowas wie das goldene Kalb der Kirche ist.

Dass das Kalb noch immer glänzt, hat die Corona-Krise noch einmal deutlich gemacht. «Halleluja! Am Mittwoch atmeten Pfarrer und Kirchgänger auf», schreibt der Blick über den Entscheid des Bundesrates, Gottesdienste wieder zuzulassen. Mir blieb angesichts der erforderlichen Massnahmen eher die Luft weg.

Auch die Kirchen Bern-Jura-Solothurn (RefBeJuSo) ermutigen in ihrer Hilfestellung «die Kirchgemeinden, (…) die Planung anzugehen, wie die kirchlichen Aktivitäten (…) wieder aufgenommen werden können.» Wieder – das klingt, als wäre in der Zwischenzeit das Kirchenleben stillgestanden.

Das habe ich anders erlebt. Allein bei uns in der Kirchgemeinde sind viele wunderbare Projekte entstanden. Von Langweile und Däumchen drehen keine Spur. Seelsorge und tägliche Begleitung bekamen mehr Raum. Kirche fand nicht am Sonntag, sondern die ganze Woche statt. In anderen Kirchgemeinden sieht es ähnlich aus.

Fairerweise muss ich anfügen, dass RefBeJuSo die Aktivitäten während der Krise durchaus zu schätzen weiss. So schreibt sie in einer Mail: «In unseren Kirchen hat in den vergangenen Monaten das gottesdienstliche Leben keineswegs geruht. Dank eindrücklicher Kreativität sind eine Vielfalt von Alternativen entstanden, die zeigen, dass die Kirchgemeinden den Willen haben, sich selbst unter widrigen Umständen nicht vom Feiern abhalten zu lassen.»

Die Schlüsse aus dieser Kreativität sind indes ernüchternd. So folgert die Kirchenleitung aus dem Engagement: Mit den Alternativen haben die Kirchgemeinden «gezeigt, dass der Gottesdienst, der nicht selten als Auslaufmodell apostrophiert wird, nach wie vor zum ‚Kerngeschäft’ der Kirche gehört.» Die Ausnahme bestätigt die Regel. Nur dass hier die Ausnahme gleich für die Regel herhalten muss. Das Interesse an den Alternativen darf jedoch nicht als Interesse am guten alten Gottesdienst gewertet werden.

Wenn ich das Cover eines Songs mag, heisst das noch lange nicht, dass mir das Original auch gefällt. Mit den alternativen Angeboten in unserer Kirchgemeinde haben wir viele Menschen erreicht und begleitet, die sonntags nicht in die Kirche kommen. Und im Gespräch merke ich, das wird sich auch nicht ändern. Da ist ein Interesse an religiösen Fragen, aber eben nicht am Gottesdienst.

Auch wenn aktuell gerne über das Lernen in der Krise geschrieben wird, sehr gut sieht es in Sachen Gottesdienst nicht aus – «old habits die hard». Und das regt mich tierisch auf. Weil es mir wichtig ist, was mit der Kirche geschieht. Weil ich von ihrem Inhalt überzeugt bin. Weil ich mir Angebote wünsche, die auch meine religiöse Sehnsucht stillen, anstatt nur um der Tradition Willen zu produzieren. Weil ich das Gefühl habe, dass wir den Eisberg Gottesdienst sehen und unseren alten, angeschlagenen Kahn doch volle Kraft darauf zusteuern.

Noch in der Krise dreht sich vieles um den Gottesdienst. Viele Kirchgemeinden produzieren ganze Predigten für das Internet. So entsteht mehr vom Gleichen, nur dass der alte Wein mal eben eins zu eins in neue Schläuche gefüllt wird. Mal ist das ganz ordentlich gemacht, viel zu oft dient es jedoch bestenfalls zur Abschreckung. Auch wenn da viel Leidenschaft drinsteckt, klicke ich in der Regel nach 30 Sekunden weg, Langweile und Fremdschämen inklusive. So leid es mir tut, die digitale Flut liturgischer Inhalte ist verlorene Liebesmüh.

Digitale Gottesdienste, das habe ich auch gar nicht erwartet. Vielmehr hatte ich die leise Hoffnung, die Krise würde für die Kirche zu einer Chance, die sie packt. Nicht in digitalen Aktionismus verfallen, sondern den Kahn mal anhalten und neu ausrichten. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Es gibt ganz viele Dinge, die ich mir für die Kirche von Morgen wünsche. Ein paar – durchaus utopische – möchte ich hier aufzählen.

Kirche ist Meer

«Weit wie das Meer ist Gottes grosse Liebe.» So lautet der Refrain eines der bekannteren Lieder aus dem Kirchengesangbuch. Ich wünsche mir, dass Kirche den Mut findet, sich diese Weite explizit auf die Fahne zu schreiben und den Blick vom sonntäglichen Flaggschiff zu befreien. Nicht vollständig, das wäre zu viel verlangt. Aber so wenig wie der Glaube bei der Kirchentüre aufhören sollte, so wenig beschränkt sich Kirche sein auf den Gottesdienst. Wir haben mehr zu bieten als die traditionelle Kirche und das dürfen wir auch zeigen. Wenn wir es schaffen, den festgefahrenen Blick zu lösen, werden so vielleicht schon Perspektiven für ebenso wichtige Angebote frei. Vielleicht werden sogar ganz konkret Orte sichtbar, wo wir Menschen neu und anders begegnen können.

Kirche ist mobil

Auch wenn die alten Kirchengebäude wunderschön zum Anschauen sind, so sind sie doch ein finanzieller Klotz am Bein so mancher angeschlagenen Kirchgemeinde. Statt in die Menschen muss dann in das Gebäude investiert werden. Vielleicht solange, bis wir zwar ein schönes Gebäude haben, aber niemanden mehr, der es besuchen will. Und für einen kurzen Besuch auf der Sonntagswanderung ist so ein Gotteshaus dann doch zu teuer.

Ich wünsche mir eine Kirche, die Mut zur Mobilität und Flexibilität hat. Kirchenräume, die vielseitig nutzbar gemacht werden, verschiedenen Bedürfnissen entgegenkommen und so besser ausgelastet werden. Aber noch viel mehr wünsche ich mir den Mut, aufzubrechen – eine Kirche, die sich vom Holangebot zum Bringangebot wandelt. Warum statt Kirchengottesdienste während des Sommers nicht einfach eine Tour mit dem Minibus? Wer allerdings aufbrechen will, braucht auch den Mut, liebgewonnenes hinter sich zu lassen.

«Kill your Darlings»

Töte Deine Lieblinge, so lautet ein journalistischer Rat, den mir einmal ein Bekannter gegeben hat. Ich habe es beim Schreiben offen gesagt nie richtig geschafft und darum weiss ich, wie schwierig es ist. Aber es ist nötig. In zweitausend Jahren Kirchengeschichte ist ganz schön viel zusammengekommen, das dem eingefleischten Kirchgänger am Herzen liegt. Aber alles geht nicht, sonst überladen wir das Fuder. Ohne den Abschied von einigen Angeboten, wird es kaum Luft für neues geben. Alles hat seine Zeit. Ich wünsche mir eine Kirche, die den Mut hat, sich von überholten Angeboten zu verabschieden und sich fit für die Zukunft macht. Auch wenn das zunächst Gegenwind bedeutet. Auf die Gefahr hin, ketzerisch zu klingen, wünsche ich der Kirche in dieser Frage zudem vermehrt eine ökonomische Perspektive.

«Reduce to the max»

Im Blick auf sinkende Steuereinnahmen wird eine Reduktion der Angebote – oder ein kollektives Burnout des Personals – früher oder später Thema werden. Noch können wir darauf Einfluss nehmen.

Gerade in Zeiten von Corona haben viele Kirchen im digitalen Raum mehr vom Selben gemacht. Warum aber müssen alle alles machen? Ich wünsche mir eine Kirche, die sich stärker regional vernetzt und konkrete Aufgabengebiete aufteilt. So ist es möglich, dass sich eine Kirchgemeinde von der eierlegenden Wollmilchsau beispielsweise zur Expertin von Jugendangeboten mausert. Eine andere Kirchgemeinde in derselben Region konzentriert sich im Kern auf klassische Gottesdienste, wieder eine andere stellt Anlässe für die Erwachsenenbildung auf die Beine. Auf diesem Weg erhält jedes Kerngeschäft der Kirche besondere Aufmerksamkeit, geleistete Arbeit kann optimal genutzt werden, während in der Region die Vielfalt von Kirche deutlich zum Vorschein kommt. Denkbar wäre auch ein digitaler Pool von Angeboten, welche sich die Kirchgemeinde einkaufen kann. Was in Utzenstorf funktioniert, funktioniert womöglich auch in Krauchthal.

Ehre, wem Ehre gebührt

Auch der digitale Raum verdient in diesem Zusammenhang besondere Beachtung. Er entwickelt sich immer mehr zu einem eigenen Schwerpunkt. In einem Info-Mail schreibt RefBeJuSo treffend: «In den kommenden Wochen werden physische und elektronische Gottesdienste nebeneinander bestehen, und es ist gut vorstellbar, dass dies auch später noch der Fall sein wird.» Nicht elektronische Gottesdienste, sondern elektronische Kirche wird immer mehr Aufmerksamkeit und Zeit erfordern. Ich wünsche mir, dass dies in den pfarramtlichen Stellenbeschrieben, Kirchgemeinderäten und auch der Kirchenleitung berücksichtigt wird. Ich wünsche mir Zeit und Schulungen. Ich wünsche mir eine digitale Kirche auf der Höhe der Zeit.

Um zu einem versöhnlichen Ende zu kommen, ich will den Gottesdienst nicht abschaffen. Im Gegenteil wünsche ich mir eine Feier, in die ich ganz und gar eintauchen kann. Ich glaube aber, dass unser gegenwärtiges Flaggschiff überfrachtet ist mit zu viel Historie; zu vielen Erwartungen und Bildern, denen wir nicht mehr gerecht werden wollen oder können. Eine Reduktion könnte hier wahre Wunder bewirken. Lieber ein richtig guter Gottesdienst im Monat als vier Trauerspiele in Folge.

Und was meine Wünsche angeht, so weiss ich, dass bereits jetzt an vielen Orten von vielen Kolleginnen und Kollegen diese Kirche angedacht, visioniert und gelebt wird. Dafür bedanke ich mich von Herzen. Kirche ist mehr. Dass das stimmt, beweist Ihr tagtäglich mit Eurem Engagement.

Bild: Brian A. Jackson (iStock)