Eine wundervolle Welt

«Billigflieger braucht Geld. Easyjet bringt den 20.99-Franken-Flug.» Lese ich in der Zeitung, die ich am Frühstückstisch durchblättere. Mein erster Gedanke: Wir haben nichts gelernt.

Vergessen sind die Vorsätze, zu denen wir uns zu Beginn der Krise hinreissen liessen. Damals, als manche für eine neue Bescheidenheit weibelten. Als sogar Klimaleugner die positiven Effekte auf die Natur priesen. Als hohe Wirtschaftstiere über ein Umdenken in unserer Leistungsgesellschaft sinnierten. Als ein Leben spürbar wichtiger war als der Dow-Jones-Aktienindex.

All diese Gedanken haben die Haltbarkeit eines Neujahrsvorsatzes, denke ich mir und lege die Zeitung beiseite. Wir haben nichts gelernt, sage ich vor mich hin und gehe zum Fenster.

Draussen sehe ich eine Familie vor der Kirche picknicken. Die Kinder turnen herum und die Mutter erzählt offenbar etwas ungemein Witziges. Denn auf einmal lachen alle so laut, dass ich es sogar durch das Fenster hören kann. Und ich denke so bei mir, was für eine wundervolle Welt.

Die Welt ist doch ein wenig anders, als uns fette Negativ-Schlagzeilen glauben machen wollen. Auch wenn diese uns leicht dazu verführen, das Leben in schwarz-weiss zu sehen. Immerhin haben wir eine Schwäche für Schwarzseherei. Ich ganz bestimmt.

Ein Experiment, von dem ich kürzlich las, kommt mir in den Sinn. Einer Gruppe wurde ein Blatt mit zehn gelösten Rechnungen vorgelegt. Alle waren richtig, bis auf eine. Auf die Frage, ob ihnen etwas auffällt, sagten alle, dass eine Rechnung falsch sei. Niemand kam auf die Idee zu sagen, dass neun Rechnungen richtig sind.

Wir achten mehr auf das, was nicht stimmt, als auf das Stimmige. Wir lesen schlechte Nachrichten und stimmen immer mehr in den Schwanengesang ein. Solange, bis wir irgendeinmal nichts mehr anderes sehen und von nichts anderem mehr reden. Dann ist die Welt für uns tatsächlich schwarz-weiss geworden.

Aber das ist sie nicht. Sie ist bunt, pulsierend und wunderschön. Kulturen, Religionen und Lebensgeschichten bereichern sich. Eine wunderschöne Schöpfung umgibt uns. Darin begegnen sich täglich neu Menschen auf Gottes unerwarteten Wegen. Es stimmt nicht, dass wir nichts gelernt haben, sage ich zu mir. Wir lernen ständig dazu. Vielleicht nicht so schnell, wie wir das möchten. Aber wir lernen. Auch im finsteren Tal geht es weiter. Die Sonne scheint selbst in der Krise und Kinderlachen drängt auch in schwierigen Zeiten in mein Haus.

Die Familie vor der Kirche packt ihre Sachen zusammen. Weiter geht’s, hinauf zur Kreuzfluh. Der Vater nimmt den Jüngsten Huckepack und die Mutter rennt mit den zwei Mädchen um die Wette. Was für eine wundervolle Welt.

Diese Kolumne ist am 21. Juli 2020 in «D’Region» erschienen. Foto von Irina Murza (unsplash).