Hier & anderswo

Man stelle sich das vor. Nahe Burgdorf liess einmal ein Unbekannter eine grosse Fabrik bauen. Die Behörden priesen den Investor als Heilsbringer für die Gegend. Die Wirtschaft würde erblühen. Die Menschen glaubten es.

Über der Fabrik ragten drei Schornsteine in den Himmel. Tag und Nacht bliesen sie grauen Dunst in die Luft. Aber statt zu steigen, senkte sich der Dunst über die Region. Häuser, Strassen und sogar die Emme wurden eingedeckt. Die Menschen waren besorgt, die Behörden beruhigten. Das sei ungefährlich.

Aber der Dunst gelangte durch Fenster und Ritzen auch ins Innere der Häuser. Er lagerte sich auf dem Kopfkissen genauso wie auf dem Brot in der Küche. Das Wasser der Emme wurde trübe und seltsam. Bald wurden die ersten Menschen krank. Jeder Atemzug rasselte wie tausend Nadeln in der Brust. Fehlgeburten häuften sich. Die Felder warfen kaum noch Ernte ab. Das Land wurde karg, das Vieh ging ein. Die Wirtschaft brach zusammen. Viele flüchteten.

Andere verlangten jetzt eine Erklärung. Die Behörden ignorierten sie. Als Zeichen des guten Willens spendete der Investor ein paar tausend Franken zur ärztlichen Versorgung. Im gleichen Atemzug kündigte er den Bau einer weiteren Fabrik an. Dazu brauche er Platz, weshalb einige Bewohner leider umziehen müssten.

Die Menschen weigerten sich, ihr Land zu verlassen. Sie gingen auf die Strasse. Die Behörden erklärten die Demonstrationen für verboten und liessen sie mit Prügel, Wasserwerfern und Tränengas auflösen. Wer sich widersetzte, kam in den Thorberg.

Eines Morgens rissen Polizisten die Bewohner aus dem Schlaf. Sie trieben die Menschen wie Vieh aus ihren Häusern. Bagger fuhren vor und machten alles dem Erdboden gleich. Die Behörden erklärten nichts mehr. Sie waren gar nicht mehr da. Sie waren damit beschäftigt, ihr Bestechungsgeld zu zählen.

Immer mehr Schornsteine ragten in den Himmel. Die Emme wurde giftig, die Ernte ging ein, viele wurden krank. Und die Menschen hatte man zum Schweigen gebracht.

Man stelle sich das vor. Nein, das ist unvorstellbar. Nicht in Burgdorf. Nicht in der Schweiz. Anderswo hingegen geschieht genau das – im Namen von Schweizer Unternehmen. Es mögen Einzelfälle grosser Konzerne sein. Aber sie passieren. Nicht hier bei uns, aber in Peru, in Namibia und im Tschad. Menschenrechte werden verletzt, Natur wird zerstört. Die Bibel lehrt mich, die Würde jedes Menschen zu achten. Sie lehrt mich, die Schöpfung zu bewahren. Was hier unvorstellbar ist, sollte auch anderswo unvorstellbar sein.

Diese Kolumne ist am 10. November 2020 in «D’Region» erschienen. Foto (Symbolbild) von Thomas Millot (unsplash).