Jahreslosung 21

Zum Ende des Jahres schaue ich nach vorne. Dabei fällt mein Blick wie so oft in diesen Tagen auf die Losung für das kommende Jahr. Auf die Losung und das Bild dazu.

Können Sie auf dem Bild das Kind in der Krippe erkennen? Es ist geborgen und gehalten von den warmen Farben. Gehalten und getragen wie im Mutterleib. Wie starke Mauern erscheint mir das Gebilde. Wie ein geschützter Raum. Und ich blicke von aussen zu dem kleinen Wunder hinein. Wie durch ein Fenster mit einem vertrauten Spitzbogen.

Bestimmt haben Sie solche Fenster auch schon einmal irgendwo gesehen. Viele Kirche aus dem Mittelalter wurden in diesem Stil gebaut. Bekannt geworden ist diese Art der Architektur als Gotik.

Wenn jemand eine Kirche baut, dann überlegt er sich was. Da hat so manches Detail eine tiefere Bedeutung. Bei der Gotik etwa zieht alles in einem weiten Bogen nach oben – das Rippengewölbe im Inneren der Kirche, die Bögen und eben auch die Fenster. Dahinter steckt das Bemühen, Gott näher zu kommen. Die Bögen, die in den Himmel ziehen, sollten die Menschen in den Kirchen näher und noch näher zu Gott bringen.

Die Kathedralen und Kirchen sollten vom Glanz Gottes zeugen, einen Vorgeschmack der himmlischen Ewigkeit bieten. Sie waren aber auch nicht selten der Versuch, den Menschen selbst zu Gott zu erheben. Manch ein Architekt wollte sich mit einer gewaltigen Kathedrale eher selbst ein Denkmal setzen. So schön die gotische Architektur anzuschauen ist, komme ich doch nicht umhin, jedes Mal an den Turmbau zu Babel zu denken. Damals, als die Menschen versuchten, auf dieselbe Stufe mit Gott zu kommen. Als die Menschen ihre Demut vergassen.

Die Versuchung, wenn nicht allmächtig, so doch zumindest allwissend zu erscheinen, ist für uns Menschen oft gar verlockend. Bis heute. Wer weiss nicht gern Bescheid? Wer hat nicht gerne auf alles eine Antwort?

Und auf einmal stellt sich mir beim Betrachten des Bildes die Frage. Bin ich es, der in die gotische Kirche hineinsieht, oder sitze ich in der Kirche und blicke hinaus? Sitze ich selbst im Glashaus der Hochmut oder bin ich nur bescheidener Zuschauer?

Umgekehrt liesse sich auch sagen, dass der gotische Stil uns Menschen aufrichtet. Wir richten unseren Blick wie von selbst nach oben. Wir gehen «erhobenen Hauptes» durch die Welt und vor Gott. Und das ist ja etwas, was ich mir auch von Gott erhoffe – dass er mich aufrichtet, wo ich niedergeschlagen bin.

Neben dem wunderschön hochtrabenden Bogen des gotischen Kirchenfensters gibt es aber noch anderen Bögen im Bild. Einer, ziemlich genau in der Mitte, spricht mich besonders an. Können Sie ihn finden? Er ist weitaus unauffälliger und bescheidener gehalten. Aber genau das entspricht auch seinem Stil. Ich spreche von der weissen Decke, die ebenso schützend und dicht über das Neugeborene gelegt ist.

Der bescheidenere, flachere Bogen erinnert mich an einen anderen Baustil – die Romanik. Romanische Kirchen wurden lange vor den gotischen gebaut. Sie ziehen nicht hoch in den Himmel. In den frühen Fällen fällt auch der Prunk weitaus bescheidener aus. Stattdessen bauten romanische Architekten dicke, schützende Mauern; tiefe, bergende Räume und kleine Fenster. Hier und dort lässt sich auch ein Bogen finden – breit gezogen, schlicht, bescheiden.

Bei der Romanik muss ich oft an das Wort «geerdet» denken. Der Blick richtet sich nicht automatisch nach oben gen Himmel, sondern bleibt im Raum. Er bleibt geerdet, er bleibt auf dem Boden der Tatsachen. Er bleibt in dieser Welt, die abseits von himmlischen Sphären zurechtkommen muss. Und tatsächlich liegt auch das Kind auf dem Bogen einer Kugel, die der Erde nicht unähnlich ist. Das Kind ist auf die Welt gekommen.

Dazu gehört aber auch der Tod. Da zeichnet sich zum Beispiel bereits das Kreuz auf der Decke des Neugeborenen ab. Neben Geburt und Bewahrung gerät so auch schon Leid und Tod in den Blick. Es gibt kein Leben und kein Lieben ohne. Statt auf die Ewigkeit richtet sich der Blick nun schon auf die vorbestimmte Vergänglichkeit. Sie ist ein Teil von uns, von Anfang an.

Welcher Bogen entspricht Ihnen mehr? Oder geht es Ihnen so wie mir und Sie können am Ende beiden etwas abgewinnen?

Die grossen Fragen, die sich mir beim Blick auf dieses in jedem Sinn umfassende Bild stellen, sind diese: Was mache ich mit meiner Zeit zwischen Geburt und Vergänglichkeit? Gehe ich erhobenen Hauptes voran, den Blick auf das Ewige gerichtet? Oder lasse ich mich von allzu alltäglichen Dingen niederdrücken? Bleibe ich geerdet und demütig? Oder masse ich mir in meinem Hochmut Sachen an, die meine Sache nicht sind? Wie gehen wir ihn, diesen schmalen Grat? Gewissermassen den Grat zwischen Gotik und Romanik. In Jesus Christus ging Gott ihn mit einer Haltung der Barmherzigkeit. Die Füsse geerdet, den Blick auf die Menschen, den Himmel.

Motiv: Stefanie Bahlinger / Verlag am Birnbach