JESUS!

«Jesus! Was fällt Ihnen ein?», entfährt es dem Hausverwalter blitzartig. Vor ihm offenbart sich eine Szene, die seinen Teint unentschlossen und gleich mehrmals zwischen kreidebleich und zornesrot schwanken lässt. Da erdreistet sich doch tatsächlich irgendeine dahergelaufene Bande, vorne im Kirchenchor ein Picknick aufzuschlagen. Und wie sie es aufgeschlagen hat!


Auf dem antiquarischen Chorgestühl befindet sich ein improvisiertes Buffet bestehend aus Schinken, Salami, Gurken, Mayonnaise und Brot. Alles billigste Prix-Garantie- und Migros-Budget-Ware. Ist ja klar, dass die sich nichts Anständiges leisten können. Weder Bio noch aus der Region.
Auf dem wertvollen Taufstein steht ein Tetra Pak mit irgendeinem Rotweinfusel drin. Daneben einige halbleer getrunkenen Pappbecher. Und Flecken, Flecken hat es natürlich auch schon auf der schönen Decke über dem Taufstein.
Dahinter sitzen diese verlotterten Gestalten auf dem reich verzierten Kirchenboden im Kreis, trinken, lachen und stopfen sich mitten in einem Meer aus Krümeln ihre selbst gemachten Sandwiches hinein.

Der Ausruf des Hausverwalters scheint sie nicht im Geringsten aus der Ruhe zu bringen.
Diesem hingegen platzt zwischenzeitlich dank stark angeschwollenem Kopf beinahe der oberste Kragen des glatt gebügelten Hemdes. Zumindest schnappt er deutlich hörbar nach Luft, was eine Verengung besagten Kragens vermuten lässt. Ganz offensichtlich fehlt dem Mann Sauerstoff. Denn nur durch eine Unterversorgung des Hirns ist zu erklären, warum er immer noch nicht glauben kann, was er da sieht. Ein Ungläubiger in der Kirche. Es dürfte nicht der erste sein.
Es dauert einen Moment, bis sich der Verwalter wieder fängt. Dann geht er entschlossenen Schrittes durch den Mittelgang des Schiffs und baut sich vorne vor der Meute auf. Schön gross und möglichst breit. «He Sie, das können Sie nicht!», ruft er aus. «Das geht nicht!»
Einer aus der Bande steht auf. Ein ganz besonders verwahrlostes Exemplar, wie der Hausverwalter findet. Der Mann lächelt, wischt seine fettigen Finger an dem eh schon ziemlich waschbedürftigen Pullover ab und streckt ihm die Hand entgegen. «Hallo, was geht nicht?», fragt er freundlich, während der Hausverwalter sich entschliesst, diese Hand ganz sicher nicht zu schütteln.


Stattdessen sagt er nur knapp. «Essen. Sie können hier nicht einfach essen.» Der Mann schaut sich in der leeren Kirche um. «Stören wir denn jemanden?» Der Hausverwalter ist irritiert. «Ja, nein. Darum geht es nicht», antwortet er. «Sowas geht einfach nicht. Nicht in einer Kirche und erst recht nicht an einem Sonntag. Wo kämen wir denn da hin? Wenn das jeder machen würde!» Der Fremde schaut den Verwalter offen verwundert an. «Was? Zusammen in der Kirche reden und essen?»
Jetzt ist der Hausverwalter noch verstörter. «Wenn Sie das sagen, klingt das ganz falsch. Ich meine damit, dass Sie hier nicht einfach ein Picknick machen können. Es gibt Regeln.» «Oh, das tut mir leid», sagt der Fremde, «Davon wusste ich nichts.»
«Ja», meint der Hausverwalter sichtbar erleichtert. Offenbar hat der Mann seinen jetzt Fehler eingesehen. Gottseidank.


«Was sind denn das für Regeln?», fragt der Fremde. Und anstatt Anstalten zum Gehen zu machen, schenkt er zwei Becher mit Wein ein und hält dem Hausverwalter einen davon hin. Dieser lehnt ab. Mit diesem dahergelaufenen Hausbesetzer mit Billigwein anstossen – so weit kommt’s noch.
«Die Regeln?», fragt der Verwalter stattdessen bissig. «Das liegt doch wohl auf der Hand! Dass man in einer Kirche nicht einfach ein Picknick ausbreitet zum Beispiel. Erst recht nicht im Chor. Sowas tut man nicht. Und dann der Wein auf dem Taufstein», redet er sich in Rage. «Was denken Sie sich eigentlich? Die Dinge in dieser Kirche sind sehr alt und sehr wertvoll. Die kann man nicht einfach so … so …»
«Benutzen?», beendet der Fremde den Satz.
«Jawoll», bestätigt der Verwalter. «Das geht nicht. Das hat hier alles seine Ordnung. Was sollen denn die Leute denken?»
«Welche Leute?»
«Na die Leute, die hierherkommen, um in die Stille zu gehen und zu beten.»
Der Fremde schaut sich in der leeren Kirche um, um flugs darauf den Verwalter seltsam erwartungsvoll anzublicken. Fast schon ein bisschen euphorisch fragt er: «Wollen Sie in die Stille gehen und beten?».
Der Verwalter tut die lächerliche Frage mit einer Handbewegung ab. «Nein, ich bin hier, um nach dem Rechten zu schauen. Aber es könnte jemand vorbeikommen. Und was würde der dann denken?»
«Ja, das weiss ich auch nicht», bekräftigte der Fremde nachdenklich. «Und was soll Gott erst denken?»
«Wer?», fragt der Verwalter. Die erneute Irritation ist seiner um fast eine Oktave höheren Stimme deutlich anzuhören.
«Na Gott.»
«Was sollte der denn denken?»
«Keine Ahnung. Aber immerhin ist Gott ja der Hausherr, oder?»
«Ehm ja, ist er. Gewissermassen.»
«Dann hat er die Regeln gemacht.»
«Nein», meint nun der Verwalter mit etwas weniger Empörung. «Die Regeln hat die Kirchenpflege gemacht. Also, die macht man halt einfach so. Das war schon immer so.»
«Von Anfang an?»
«Von Anfang an!»
«Also von Gott her …?»
«Nein, Sie verdrehen mir ja alle Worte im Mund! Lassen Sie das! Hören Sie, ich mag mit Ihnen eigentlich nicht mehr diskutieren. Das hier ist eine Kirche, ein heiliger Ort und da gehört sich so ein Verhalten, so ein respektloses Gelage nicht. Basta.»


«Sie möchten, dass wir gehen?», fragt der Fremde.
«Ja, das möchte ich», überwindet sich der Verwalter schliesslich und atmet einmal tief aus. Jetzt ist es gesagt.
«Damit das hier wieder ein Ort der Stille und des Gebets ist. Jetzt nicht primär für sie. Aber für die, die kommen könnten.»
«Ehm … ja.»
«Damit die Menschen sich nicht was denken. Das wäre schlecht, wenn die sich was denken.»
«Ich denke schon.»


Der Fremde überlegt einen Moment. Und schliesslich meint er betrübt: «Dann sind wir hier tatsächlich falsch.»
«Ja, das sind sie.»
Der Fremde nickt. «Leute, wir gehen. Wir sind hier falsch.» Die Bande packt ihre sieben Sachen zusammen und macht sich auf Richtung Ausgang. Nur der Fremde und der Verwalter bleiben im Chor zurück.


«Also, sie sind nicht per se falsch», beschwichtigt jetzt der Verwalter, den beim Anblick des hastigen Aufbruchs nun doch so etwas wie ein schlechtes Gewissen überkommt. «Sie dürfen gerne zum Gottesdienst kommen. Oder … zur Stille und zum Gebet.» Er lächelt verlegen.
«Nein nein, wir sind hier falsch. Ganz falsch. Ich habe mich hier fälschlicherweise wie zu Hause gefühlt. Sie müssen entschuldigen», sagt der Fremde entschlossen und streckt dem Verwalter abermals die Hand entgegen. Diesmal muss er den Gruss erwidern.
Der Handschlag ist nicht unangenehm, aber doch ungewohnt. Ein seltsames Gefühl steigt in ihm auf. Wüsste er es nicht besser, würde er sagen, es handele sich um Reue.
Er will noch etwas sagen. Irgendetwas – er weiss selbst nicht was – liegt ihm auf den Lippen. Aber ehe er die Worte, auf die er selbst so neugierig ist, aus seinem Mund hört, ruft einer von der verwahrlosten Bande in die leere Halle hinein. «Komm, Jesus! Wir spielen draussen Fussball.»


Jesus lacht den Verwalter an. Dann sputet er los. Über den Chor und durch das Kirchenschiff bis hin zum Ausgang. In einem Tempo, dass sich in einer Kirche nun wirklich nicht gehört.

Foto von Karl Fredrickson (unsplash)