Hier & anderswo

Man stelle sich das vor. Nahe Burgdorf liess einmal ein Unbekannter eine grosse Fabrik bauen. Die Behörden priesen den Investor als Heilsbringer für die Gegend. Die Wirtschaft würde erblühen. Die Menschen glaubten es.

Über der Fabrik ragten drei Schornsteine in den Himmel. Tag und Nacht bliesen sie grauen Dunst in die Luft. Aber statt zu steigen, senkte sich der Dunst über die Region. Häuser, Strassen und sogar die Emme wurden eingedeckt. Die Menschen waren besorgt, die Behörden beruhigten. Das sei ungefährlich.

Aber der Dunst gelangte durch Fenster und Ritzen auch ins Innere der Häuser. Er lagerte sich auf dem Kopfkissen genauso wie auf dem Brot in der Küche. Das Wasser der Emme wurde trübe und seltsam. Bald wurden die ersten Menschen krank. Jeder Atemzug rasselte wie tausend Nadeln in der Brust. Fehlgeburten häuften sich. Die Felder warfen kaum noch Ernte ab. Das Land wurde karg, das Vieh ging ein. Die Wirtschaft brach zusammen. Viele flüchteten.

Andere verlangten jetzt eine Erklärung. Die Behörden ignorierten sie. Als Zeichen des guten Willens spendete der Investor ein paar tausend Franken zur ärztlichen Versorgung. Im gleichen Atemzug kündigte er den Bau einer weiteren Fabrik an. Dazu brauche er Platz, weshalb einige Bewohner leider umziehen müssten.

Die Menschen weigerten sich, ihr Land zu verlassen. Sie gingen auf die Strasse. Die Behörden erklärten die Demonstrationen für verboten und liessen sie mit Prügel, Wasserwerfern und Tränengas auflösen. Wer sich widersetzte, kam in den Thorberg.

Eines Morgens rissen Polizisten die Bewohner aus dem Schlaf. Sie trieben die Menschen wie Vieh aus ihren Häusern. Bagger fuhren vor und machten alles dem Erdboden gleich. Die Behörden erklärten nichts mehr. Sie waren gar nicht mehr da. Sie waren damit beschäftigt, ihr Bestechungsgeld zu zählen.

Immer mehr Schornsteine ragten in den Himmel. Die Emme wurde giftig, die Ernte ging ein, viele wurden krank. Und die Menschen hatte man zum Schweigen gebracht.

Man stelle sich das vor. Nein, das ist unvorstellbar. Nicht in Burgdorf. Nicht in der Schweiz. Anderswo hingegen geschieht genau das – im Namen von Schweizer Unternehmen. Es mögen Einzelfälle grosser Konzerne sein. Aber sie passieren. Nicht hier bei uns, aber in Peru, in Namibia und im Tschad. Menschenrechte werden verletzt, Natur wird zerstört. Die Bibel lehrt mich, die Würde jedes Menschen zu achten. Sie lehrt mich, die Schöpfung zu bewahren. Was hier unvorstellbar ist, sollte auch anderswo unvorstellbar sein.

Diese Kolumne ist am 10. November 2020 in «D’Region» erschienen. Foto (Symbolbild) von Thomas Millot (unsplash).

Eine wundervolle Welt

«Billigflieger braucht Geld. Easyjet bringt den 20.99-Franken-Flug.» Lese ich in der Zeitung, die ich am Frühstückstisch durchblättere. Mein erster Gedanke: Wir haben nichts gelernt.

Vergessen sind die Vorsätze, zu denen wir uns zu Beginn der Krise hinreissen liessen. Damals, als manche für eine neue Bescheidenheit weibelten. Als sogar Klimaleugner die positiven Effekte auf die Natur priesen. Als hohe Wirtschaftstiere über ein Umdenken in unserer Leistungsgesellschaft sinnierten. Als ein Leben spürbar wichtiger war als der Dow-Jones-Aktienindex.

All diese Gedanken haben die Haltbarkeit eines Neujahrsvorsatzes, denke ich mir und lege die Zeitung beiseite. Wir haben nichts gelernt, sage ich vor mich hin und gehe zum Fenster.

Draussen sehe ich eine Familie vor der Kirche picknicken. Die Kinder turnen herum und die Mutter erzählt offenbar etwas ungemein Witziges. Denn auf einmal lachen alle so laut, dass ich es sogar durch das Fenster hören kann. Und ich denke so bei mir, was für eine wundervolle Welt.

Die Welt ist doch ein wenig anders, als uns fette Negativ-Schlagzeilen glauben machen wollen. Auch wenn diese uns leicht dazu verführen, das Leben in schwarz-weiss zu sehen. Immerhin haben wir eine Schwäche für Schwarzseherei. Ich ganz bestimmt.

Ein Experiment, von dem ich kürzlich las, kommt mir in den Sinn. Einer Gruppe wurde ein Blatt mit zehn gelösten Rechnungen vorgelegt. Alle waren richtig, bis auf eine. Auf die Frage, ob ihnen etwas auffällt, sagten alle, dass eine Rechnung falsch sei. Niemand kam auf die Idee zu sagen, dass neun Rechnungen richtig sind.

Wir achten mehr auf das, was nicht stimmt, als auf das Stimmige. Wir lesen schlechte Nachrichten und stimmen immer mehr in den Schwanengesang ein. Solange, bis wir irgendeinmal nichts mehr anderes sehen und von nichts anderem mehr reden. Dann ist die Welt für uns tatsächlich schwarz-weiss geworden.

Aber das ist sie nicht. Sie ist bunt, pulsierend und wunderschön. Kulturen, Religionen und Lebensgeschichten bereichern sich. Eine wunderschöne Schöpfung umgibt uns. Darin begegnen sich täglich neu Menschen auf Gottes unerwarteten Wegen. Es stimmt nicht, dass wir nichts gelernt haben, sage ich zu mir. Wir lernen ständig dazu. Vielleicht nicht so schnell, wie wir das möchten. Aber wir lernen. Auch im finsteren Tal geht es weiter. Die Sonne scheint selbst in der Krise und Kinderlachen drängt auch in schwierigen Zeiten in mein Haus.

Die Familie vor der Kirche packt ihre Sachen zusammen. Weiter geht’s, hinauf zur Kreuzfluh. Der Vater nimmt den Jüngsten Huckepack und die Mutter rennt mit den zwei Mädchen um die Wette. Was für eine wundervolle Welt.

Diese Kolumne ist am 21. Juli 2020 in «D’Region» erschienen. Foto von Irina Murza (unsplash).

Wir sind Berührte

Berührungen fehlen.

Sie sind für unser Leben so wichtig

wie die Luft zum Atmen

oder das Wasser zum Trinken.

Ein fester Händedruck.

Oder sanfte Hände, die Tränen wegwischen.

Arme, die umschliessen, wärmen und schützen.

Eine Schulter zum Anlehnen und Ausweinen.

Ein starker Arm, der stützt und leitet.

Berührungen sind das tägliche Brot unserer Seele.

Und nun, Hungern und Dürsten nach Berührung.

Eine unfreiwillige Fastenzeit.

Wir fasten Nähe, weit über Ostern hinaus.

Dabei täte genau diese Nähe jetzt so gut.

Es bräuchte nicht viel, nur ein kleiner Fingerzeig.

Der Glaube hat es derzeit schwer, sagen einige.

Die Kirchen sind leer, die Gottesdienste fallen aus.

Wie soll Gottes Wort uns noch erreichen?

Wie kann es uns auf Distanz noch berühren?

Der Glaube ist doch Berührung!

Was sonst?

Fing es nicht mit einer Berührung an?

Damals bei der Schöpfung.

Gott berührt Adam, den ersten Menschen.

Mit dem Wort.

Eine Berührung setzt neues in Gang.

Lässt nicht auch Gott sich berühren?

Etwa von Noah – nach der Flut.

Noah besänftigt den zornigen Gott mit einem Opfer.

Und Gottes Herz wird wieder weich.

Aus der Berührung wird ein Bund.

Mensch und Gott auf Augenhöhe. Schulter an Schulter.

Geht es nicht mit Berührung weiter?

Damals, als Gott mit starkem Arm die Hebräer aus Ägypten befreit.

All ihre Schicksale werden durch Gottes Tat berührt – und dadurch verändert.

Mit Berührung wir Glaube weitergegeben.

Nicht allein Wissen, sondern ebenso Gefühl,

Sinn nicht weniger als Sinneserlebnisse.

Wer berührt wird, bleibt nicht derselbe.

Wer von Gott berührt wird, wird ein anderer.

Das weiss auch Maria.

Als die Hirten berichten, was Engel über ihren neugeborenen Sohn verkünden,

bewegt sie diese Worte in ihrem Herzen. Sie ist berührt.

Genauso wie unzählige von Jesus berührt werden.

Er hat weiss Gott keine Berührungsängste.

Aber Fingerspitzengefühl. Ein Gespür für die Nöte der Menschen.

Ihre Schicksale bewegt er in seinem Herzen. Sie berühren ihn.

Und er berührt sie. Bis heute.

Anders als damals haben wir Jesus nie berührt.

Kein fester Händedruck.

Keine sanften Hände, die Tränen wegwischen. Die heilen.

Keine Arme, die uns umschliessen, wärmen und schützen.

Keine Schulter zum Anlehen und Ausweinen.

Kein starker Arm, der stützt und leitet.

Nichts davon.

Und doch sind wir Berührte.

Die Botschaft von Jesus Christus lässt uns nicht kalt.

Dass uns die Gemeinschaft im Namen Christi fehlt,

zeigt, wie nah sie uns geht.

Wir bewegen sie in unserem Herzen.

Sie lässt uns nicht unberührt zurück.

Auch jetzt nicht. Gerade jetzt nicht.

Glaube berührt.

Und Berührung ist mehr als ein fester Händedruck.

Sie umfasst weitaus mehr als ausgebreitete Arme es je könnten.

Sie ist stärker als jeder starke Arm.

Echte Berührung berührt die Seele, bewegt das Herz.

Nicht allein die sinnliche Berührung zählt,

sondern viel mehr die sinn-volle Berührung dahinter.

Der gute Wille. Die Liebe. Die Hingabe.

Der Trost. Das Erbarmen. Die Rücksicht.

Die gute Tat.

Das alles ist auch mit etwas Abstand möglich

Davon erleben wir derzeit tausende und tausende von Zeugnissen.

Zeugnisse, die bewegen, begeistern und hoffen lassen.

Zeugnisse, die berühren.

Auch jetzt. Gerade jetzt.

Wir sind Berührte.

(Foto von Rémi Walle auf Unsplash)

Was zählt

Die ökumenische Kirche im Zürcher Hauptbahnhof verzeichnet so viele Gespräche wie noch nie, hörte ich vor einiger Zeit im Radio. Täglich machen ein paar hundert Leute im Schutz der Anonymität einen Zwischenhalt, um mit einer Seelsorgerin über das zu sprechen, was sie beschäftigt. Oft sind es psychische oder familiäre Probleme. Rolf Diezi, reformierter Seelsorger im Bahnhof, sagt dazu: «Unsere Gesellschaft ist härter geworden und die weichen Menschen leiden noch mehr als vorher.»

Bei aller Kritik, die sich Kirche gefallen lassen muss, darf diese Kernaufgabe ihrer Arbeit nicht vergessen werden. Sie ist kostenfrei, anonym und für alle Menschen zugänglich – egal ob Kirchenmitglied, Buddhist oder nichts von alledem. Und sie wird immer häufiger in Anspruch genommen, während gleichzeitig immer mehr Menschen der Meinung sind, Kirche sei bedeutungslos, überholt und nicht mehr unterstützungswürdig.

Zugegeben, auch ich hänge mein Herz nicht an die Institution Kirche. Sie ist ein austauschbares Gefäss, eine schüttere Bühne, auf der das Evangelium mehr schlecht als recht auf- und zuweilen sogar etwas vorgeführt wird. Wenn Gott Gott ist, hat er das alles gar nicht nötig. Seine Botschaft hat sich lange vor derartigen Institutionen Bahn gebrochen und sie wird es auch nach ihnen tun. Vielleicht sogar etwas befreiter und unbefangener als bisher.

Der ewige Gott ist wohl kaum angewiesen auf durchdachte Kirchenordnungen, präzise Protokolle oder die gewitzte wie moderne Nutzung historisch wertvoller Kirchengebäude. Gegen den Schweizer Theologen Karl Barth würde ich sogar behaupten, dass ihm auch die Musik ziemlich gleich-gültig sein dürfte. Ich stelle mir vor, wie er über unsere bemühten Versuche der jugendgerechten Unterweisung milde lächelt. Auch pfarrherrlichen Dünkel benötigt er vermutlich ebenso wenig wie leidenschaftliche Predigten oder biblisch-rechthaberische Wortklauberei. Das alles ist Staub und Schatten.

Das einzige, was für mich zählt, ist die Begegnung. Die wirkliche Begegnung, in der wir unsere Schutzwälle fallen und unsere Maskeraden sein lassen dürfen. Begegnungen, in denen wir einander davon erzählen, was uns begeistert, bewegt und beschäftigt – ungeschönt und ungeschminkt. Die Begegnung, in der wir merken: Wir sind die Gleichen – mit all unseren Narben, Geschichten und Wundern. Mit dem ganzen bisschen Glauben, das wir haben. Wir sind die Gleichen und darum nicht allein. In so einer Begegnung steckt mehr lebendiges Evangelium als in jeder heiligen Schrift.

Anmerkung: Dieser Beitrag erschien am 26. Februar 2020 in der Emmentaler Zeitung „d’Region“.

Photo by Nathan Rogers on Unsplash.

Über die Angst

In der Welt haben wir Angst, das wusste bereits Jesus. Das fängt bei der Sorge um die richtige Kleiderwahl an und hört bei der Furcht vor dem Fremden noch lange nicht auf.

Eigentlich verständlich. Immerhin weiss jeder, dass Kleider Leute machen, falsche Kleider hingegen Aussenseiter. Gerade im Sommer, wo in den sozialen Medien überall der scheinbar perfekte Ferienlook zur Schau gestellt wird, wächst die Angst, nicht auszureichen – nicht schön, schlank oder modisch genug zu sein. Ich kenne das. Als Kind litt ich unter dem Feuermal auf meinem Gesicht. Es war augenfällig, dass ich anders bin. Die Blicke der Menschen erinnerten mich ständig daran.

Nicht selten erlebte ich, wie Leute mit offenem Mund vor mir stehen blieben oder sogar ihre Kinder wegzogen. Warum ich so gefährlich sei, dafür hörte ich die skurrilsten Erklärungen. Ein Mal war ich geistig behindert, ein anderes Mal ein Schläger und ein drittes Mal von Dämonen besessen. Dabei hatte ich weder etwas gesagt noch getan.

Das Andere macht Angst. Wie muss es da denen gehen, die nicht bloss ein Feuermal im Gesicht tragen? Wie muss es Menschen gehen, die wirklich mit einem Handicap leben? Oder solchen, die aus einer anderen Kultur kommen? Das Fremde macht Angst und darum steht es gerne mal unter Generalverdacht. Ob die Angst begründet ist, wird oft gar nicht hinterfragt.

Dabei ist Angst eine schlechte Ratgeberin. Gerade, wenn es darum geht, mit neuen Herausforderungen umzugehen, blockiert und verschliesst sie. Und wo Verschlossenheit und Furcht sind, sind Abwehr und Hass oft nicht weit.

In der Welt haben wir Angst. Ich denke, daran können wir wenig ändern. Es wird immer Momente geben, die uns das Fürchten lehren. Manchmal ist das auch gut. Bis heute habe ich vor jedem Gottesdienst Lampenfieber. Das hilft mir, mich zu konzentrieren. Oft ist Angst aber mehr schädlich als nützlich. Darum ist es wichtig, wie wir mit dem umgehen, was uns ängstigt. Gestehen wir uns unsere Ängste ein? Lassen wir uns von ihnen beherrschen oder versuchen wir, sie zu überwinden?

Ich glaube, ein guter Anfang wäre, aufeinander zuzugehen. So wie damals, als ich im Tram sass und eine Mutter wieder mal ihre kleine Tochter von mir wegzog. Die Kleine liess sich aber nicht beirren, löste sich aus dem mütterlichen Klammergriff, lief schnurstracks auf mich zu, zeigte auf mein Gesicht und fragte entschlossen: «Was ist das?» Als ich es ihr erklärt hatte, sagte sie «Ok», lächelte und ging zurück an ihren Platz. Ich war kein Fremder mehr. Es gab keinen Grund mehr, sich zu fürchten.

Anmerkung: Dieser Beitrag erschien 2019 bereits in der Emmentaler Zeitung „d’Region“.

Photo by Aarón Blanco Tejedor on Unsplash

Das Erinnern vergessen – 75 Jahre Befreiung von Auschwitz

«Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.» Dieses Zitat des amerikanischen Philosophen George Santanayana begegnet mir, während ich im polnischen Konzentrationslager «Auschwitz I» wortlos entlang der ehemaligen Baracken schreite. Eine davon betrete ich. Ich gehe durch kalte Räume voller Schuhe, Koffer, Fotos und Töpfe. Sie haben einmal jemandem gehört.

Irgendjemand hat vor rund 80 Jahren in aller Eile seine Schuhe geschnürt und seine Habe in einen Koffer gepackt. Am Bahnhof angekommen, musste dieser Jemand seinen Namen auf den Koffer schreiben und ihn dann am Perron zurücklassen. Er bekomme ihn später wieder, sagten sie. Das Ziel der Reise war unbekannt. Es gab wohl Gerüchte, wohin die überfüllten Viehwaggons die Menschenmassen verfrachten. Aber die Geschichten von Folter, Mord, von Gaskammern und Krematorien wollten viele nicht recht glauben. Das würden die nicht wagen, sagten sich die Menschen. Sie wagten es doch.

Mein Weg führt mich vorbei an den Baracken. Ich passiere Stacheldrahtabsperrungen, die einmal unüberwindbar waren. Dahinter, verborgen unter einer bewachsenen Anhöhe, liegt ein Gewölbe. Der Eingang ist so klein, dass ich den Kopf einziehen muss. Über diese Schwelle wurden einst tausende Jemande geführt. Solche, die in den Augen der Machthaber zu jüdisch, zu krank oder sonst irgendwie störend waren. Sie alle gingen auf dem Weg in die Kammer durch diese kleine Tür.

Was in den Lagern von Auschwitz geschehen ist, ist beispiellos dafür, wozu Menschen fähig sind. «Nie wieder», sagten sich die Völker nach dem Krieg und verabschiedeten die Menschenrechte. Eine Grundlage dieser Rechte liegt in der Bibel im ersten Schöpfungsbericht. Gemeinsam mit den Juden glauben wir Christen, dass wir nach Gottes Ebenbild geschaffen sind. So werden wir besonders gewürdigt. Wir bekommen von Gott eine Würde, die uns kein Mensch nehmen darf.

Heute, so scheint es zumindest, sind die Menschenrechte bei uns in der Schweiz eine Selbstverständlichkeit. Die Erinnerung daran, warum sie nötig sind, verblasst allerdings: Bald gibt es keine Zeitzeugen mehr. Zeitgleich mehren sich die Stimmen, die von Dingen wie Auschwitz nichts mehr hören können oder wollen. Aber diese Wahl haben wir nicht. Auschwitz ist auch unsere Geschichte. Denn Auschwitz erzählt die Geschichte vom Versagen der Menschlichkeit. Daran müssen wir uns erinnern. Denn «wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.»

Anmerkung: Dieser Beitrag erschien 2019 bereits in der Emmentaler Zeitung „d’Region“.

Menschlicher Advent

Besonders in der Adventszeit schalmeit mir fröhlich überall das «Christliche» entgegen. Gerade so, als wäre das irgendein Gütesiegel, das unsere ganze Hirnleistung auf Eis legt. Wenn christlich draufsteht, muss was Gutes drin sein. Da braucht es keine kritische Betrachtung mehr. Da wird die gute alte Bibel genauso widerspruchslos – und darum im eigentlichen Sinne unbiblisch – heruntergeschluckt wie jede andere verkappte religiöse Meinung, die ein vermeintlich frommer Geist im Mäntlein göttlicher Inspiration hingedreht hat.

Wenn dann noch der Wille Gottes dazu kommt, den einige – und darum beneide ich sie schier – offenbar ganz klar kennen, schalmeit es jeweils bei mir unerhört. Der göttliche Wille und das Prädikat «christlich» sind sehr grosse Worte für so kleine Geschöpfe wie unsereins.

Oft erlebe ich hinter solchen Prädikaten kaum Nächstenliebe und bedingungslose Annahme, sondern das paragraphenversessene Durchzwängen von dem, was man selbst Gott nennen will oder von Kindesbeinen an als solchen eingetrichtert bekommen hat. Oft spüre ich hinter solchen Prädikaten auch Härte und Verletzungen.

Ich selbst erlebe Gott am ehesten dort, wo es vor allem menschlich zu und her geht. Fernab aller Liturgie und Tradition. Vielleicht mehr bodenständig als heilig, eher fehlerhaft und weniger fromm. Vielleicht eher lebendig und rau als andächtig und nett, eher widersprüchlich und chaotisch als rein und regelkonform.

Es ist die Menschlichkeit, die uns fehlt. Für sie braucht es mehr Mut als jedes fromme Gewäsch und jede bibeltreue Wortklauberei, hinter denen wir uns verstecken und schützen. Wenn wir uns als Menschen zu erkennen geben, machen wir uns verletzlich.

Für die Adventszeit wünsche ich uns darum den Mut, einfach mal Mensch zu sein. Das Göttliche wird schon von selbst kommen. Als Mensch.

2018 – Geschüttelt und gerührt

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Das erste Jahr im Pfarramt hat uns gehörig durchgeschüttelt. Eben noch waren wir zwei einfache Studenten, die ihr bescheidenes Dasein in einer viel zu kleinen Wohnung fristeten, und im nächsten Moment residierten wir im herrschaftlichen Pfarrhaus in Krauchthal. Und mit dem grossen Haus kamen in diesem Jahr auch unzählige grosse wie auch kleine Aufgaben auf uns zu. Manche von ihnen waren sichtbar und somit dem Urteil der Gemeinde ausgeliefert, andere erledigten wir eher im Hintergrund – dann, wenn die meisten dachten, dass wir gerade blau machen.

Es wäre gelogen, wenn wir sagen würden, dass uns die Bürde des Amts in diesem ersten Jahr nicht manchmal schwer auf dem Magen lag. Denn längst nicht alles ist uns gelungen und auch manche Erwartungen haben wir zu spüren bekommen. Nicht alle konnten wir erfüllen, auch das haben wir gespürt. Die Namen beispielsweise sitzen auch nach einem Jahr noch nicht. Führten wir zu Beginn noch Listen, haben wir das aus Zeitgründen bald einmal aufgegeben.

Denn Zeit war das, was uns 2018 am meisten fehlte. Zeit, um Ideen zu verwirklichen, Zeit, um Menschen zu begegnen und im Austausch zu sein. Das war für uns die grosse Ernüchterung im ausgehenden Jahr. Wir hätten gerne mehr gemacht. Wir wären gerne mehr draussen, mehr bei Euch gewesen. Aber bei einem wachsenden Bürokratieaufwand und rund 1’700 Reformierten in der Kirchgemeinde kann sich wohl jeder selbst ausrechnen, wie realistisch das ist.

Zeit fehlte uns nicht nur für das Amt, sondern auch für uns selbst. Die Menschen, die 2018 wohl am wenigsten von uns hatten, waren unsere Freunde, unsere Familie. Ihnen gebührt ein grosser Dank, denn sie stecken viel zurück, damit andere mehr bekommen können.

Gerührt haben uns in diesem Jahr die vielen Abschiede, die wir in der Gemeinde nehmen mussten. Es ist für uns bei jedem Trauerfall eine grosse Ehre, den Verstorbenen noch einmal so nahe kommen zu dürfen – im Gespräch mit den Angehörigen, wenn wir die Trauerfeier schreiben, wenn wir den Lebenslauf verfolgen. Für ein paar Tage ist der Verstorbene Gast in unserem Haus, lebt seine Geschichte noch einmal auf. Das ist eine intensive Zeit, von der immer auch etwas zurückbleibt.

Auch im neuen Jahr gibt es einiges zu tun. So ist 2019 etwa ein Jubiläumsjahr. Unsere Kirche wird 225 Jahre alt. Deshalb wollen wir Euch in den Orten unserer Kirchgemeinde besuchen, um Euch einzuladen. Denn im August feiern wir bei Kirche und Pfarrhaus ein grosses Fest. Darauf freuen wir uns riesig!

Ausserdem arbeiten wir daran, unsere Kirchgemeinde fit für die Zukunft zu machen. Es ist kein Geheimnis, dass die reformierte Kirche mit Austritten zu kämpfen hat. Das ist bei uns nicht anders. Die Art, wie Menschen Glauben leben, verändert sich. Und das ist in Ordnung. Auch wir setzen uns für einen vielfältigen, farbigen Glauben ein. Gleichwohl wird die Kirche ihre wichtigen sozialen Aufgaben nur noch mit Mühe erfüllen können, wenn kaum noch jemand gewillt ist, diese Arbeit zu unterstützen.

Der Glaube wird in unseren Tagen gerne belächelt. Das bereitet uns Sorge, denn damit zerfällt auch das Wissen um unsere christliche Identität. Aber gerade in einer globalisierten Zeit, in der Religionen und Kulturen nah zusammenrücken, sollten wir Auskunft darüber geben können, was uns ausmacht und was uns wichtig ist. Dafür setzen wir uns auch mit Leidenschaft 2019 ein.

Keine Frage, das Jahr 2018 hat uns geschüttelt und gerührt. Nichtsdestotrotz war es ein besonderes Jahr, in dem wir enorm wachsen durften. Das ist vor allem den vielen positiven Begegnungen und Gesprächen zu verdanken, den hilfreichen Feedbacks und den helfenden Händen. Danke für Eure Geduld, Euer Engagement und Euren Glauben – auch den an uns. Danke, dass Ihr uns in unserem ersten Jahr so herzlich aufgenommen habt. Wir freuen uns darauf, auch 2019 mit Euch Kirche zu sein.

Rütschet guet und bhüet Nech Gott! – Euer Pfarrteam Krauchthal

Dr Pfarrer u dr Sprüchliriesser – oder o: Gottes Irrwäge sy unergründlech

Du chaisch es dräie und wände wie de wosch, irgendeine isch nie zfride. Du chaisch über ds Wasser loufe, das Wasser glichzytig zu Wy la wärde und de ono grad teile – idealerwies i Rote, Rosé und Wysse – es isch gliech nid rächt. Eh ja, es hät ja vilicht ono Champagner chönne drbi useluege. Fair Trade, Vegan, Bio und am beschte ono grad alkoholfrei us dr Region.

Du chaisch es dräie und wände, wie de wosch, irgendeine isch nie zfride. Da chrampfsch Dr dr Allerheiligscht ab, springsch vo eim Halleluja zum andere und weisch vor luuter Herrje und Jesses Gott sälber nümme rächt, wo Gott hocket.

Und i däm ganze Towuwabohu inne machsch mal füf Minute Pouse, schnuufsch mal düre. Für füf Minute beziehsch einisch, abr de würklech usnahmswies, die paar Prozäntli, wo sy im Stellebeschrieb grosszügig mit „Spiritualität“ betitle, insgeheim aber Pufferzone meine.

We das machsch, de chasch Dr de sicher sy, dass just i dene 5 Minüteli e sone Sprüchlieriesser drhär chunnt. Das isch de so sicher wie ds Amen i dr Chiuche. Und was erklärt er dä, we är Di so gseht «umeplöischle»? Genau, dä erklärt Dr, dass d Pfaffe sowieso nume am Sunntig schaffe.

Fadegrad seit er Dr’s nid. Da hätt er sech nid drfür. Är seit’s meh so luschtig. Meh so ine Spruch verpackt. Und es sig ja sowieso nid bös gmeint.

Üsserlech lächleni unter maximaler Asträngig möglechscht verständnisvoll. „Immer schön christlech bliebe“, murmle i drbi mantra-artig vor mi häre. Innerlech frag i mi allerdings, ob sech mi Chef, also dr Jesus, o emal serigi Sprüch het müesse alose, öb är o so doof und sprachlos grinset het, wie ig itz oder ob er däm souluschtige Sprüchliriesser ächt nid doch grad e saftigi Bärgpredigt um d Ohre ghoue hätti.

Item, i cha’s nid ändere, grinse witer und säge nüt. Einisch meh. Und daheim säg i mr das, wo i mr jedes Mal säge: Ds nächscht Mal liesisch dene Spassvögel mal d Levite. Ds nächscht Mal bisch schlagfertiger. Ds nächscht Mal housch ufe Tisch, da ruumsch dene mal ihre Souschtall vomene Wältbild uf.

Wie dr Chef anno dazumal, wo är in Jerusalem dene Herre und Dame dr Tämpelmarkt ordentlech düregstrählt het. Dä het sech nämlech o nid geng alles la gfalle. Oder bi sine Jünger. Wie mängisch hei die Jungspunde gmeint, sie wüsse itz, wie dr Charre louft? Und wie mängisch hei sie dä Charre wieder i Sand gsetzt? Gfühlt einisch pro Bibelsite het Jesus die Tschupele i die richtigi Richtig müesse bugsiere, will sie’s wieder nid checket hei. Es Chrüz isches gsy mit näh.

Ir Liebi isch mä äbe nid nume geng eis Härz und ei Seel, da schtöh Dr o emal ordentlech d Haar ds Bärg, da git’s o mal Füür im Dornbusch. Und bir göttleche Liebi isch es nid viel anders. Es heisst ja i dr Bibel: „Ertragt einander in Liebe.“ Ertrage, nid hofiere, nid schmüsele.

Aber guet, was heisst das itz für mi Fall? Söll i dene Sprüchliriesser us vollschtem Härze, us purluuterer Liebi wuchtig umegäh, oder witerhin ihri mässig luschtige Evergreens ertrage und istecke?

Genau gno het ja o dr Chef einiges igsteckt. Für die einte het är ds viel gfrässe, für die andere ds viel gsoffe. Mängisch sy sech die einte und die andere sogar einig gsy i dr Meinig, dass är ds viel frässi und ds viel suffi. Und das simultan während är sech zuesätzlech no mit dä falsche Lüt abgit – Schmarotzer, Pack, wo nid dahäre ghört.

Sprüchliriesser het’s denn scho gäh. Abr anders als i mim Fall het dr Chef einiges meh als dummi Bemerkige und Schlämperlig müesse istecke. Wo i so drüber nachedäiche, chum i mr blöd vor, dass mi dä Spruch däräwä ufgregt het. Und wo i witer drüber nachedäiche, merke ig, dass mi dä blöd Spruch uf hinterligschtigschti Art und Wies zumene spirituelle Gedankegang verleitet het. Hätt i mir die Zyt ohni dä Spruch gno? I dänkes nid.

Oder um’s i dä Wort vo mire liebe Muetter ds säge: „Mä cha no vom gröschte Löu öpis lehre.“

D Revision vor Chircheuhr. Odr: Es Plädoyer für e Chirche am Puls vor Zyt

Sie hei d Chircheuhr nöi gstellt, ds Uhrwärch revidiert, justiert und kalibriert. Und das geit halt nid a eim Tag. D Revision vor Zyt, die bruucht ihri Zyt. Und i dere Zyt, wo mä dr Zyt uf d Sprüng hilft, schteit d Zyt still.

D Uhr ticket nümm, klacket nümm, surret nümm. D Zyt wird zytlos. Die mechanischi Ändlosschleife isch usser Betrieb. Dr Sisyphos macht e Pouse im Nüt.

D Rädli dräie nümm und d Zähn zahne nümm, kes Fäderli gieret me und d Zeiger uf de Zifferblätter schtöh reglos. Weder d Glogge no ds Glöggli lüte, nid zur volle, zur viertel, drüviertel und o nid zur halbe Stund – und erscht rächt nid zum Fyrabe.

Am Afang het das niemer gmerkt. Wäm fählt scho so es Ticke, so es Klacke und es Surre? Wär vermisst scho d Gloggeschläg um Mitternacht?

Abr mit dr Zyt het’s dr eint oder ander gliich dünkt, es fähli öpis. Sones Ticke, Klacke, Surre und Lüte. Sones vertrouts Hintergrundruusche: dr religiös Soundtrack zum Läbe.

Was de da los sigi, hei teil wölle wüsse. I würd fasch bhoupte: Teil si e chli usem Takt cho. D Chirche isch irgendwie nümme im Dorf gsi. Also rein akkustisch, versteit sech.

Nid usdsdänke, we nid allei d Chircheuhr, sondern die ganzi Chirche ine uzytigi Taktlosigkeit wäri verfalle. We dä Apparat mit all sine Rädli und Zähnli, mit sim unufhörlech glichmässige Surre hätti dr Zytgeist und mit ihm ono grad dr Heilig Geist ufgäh.

Mängisch dünkt’s eim schier, d Zeiche vor Zyt zeige das a. Gnue mängisch ghört mä’s ja, liest’s allzyt i de Zytige. D Chirche, die heigi ihri Glanzzyte hinger sich. Si sigi verrostet, verstoubt, vo geschtr und überhoupt überholt. D Chirche sigi bedürftig worde. Überholigsbedürftig! Aber ob das no rentiert?

Di letschti Revision isch oscho es rächts Zytli här. Es wär widr mal nache, das würd Dr gloub jede Mech säge. Abr d Zyt, die wartet bekanntlech uf niemer. Und grad abstelle für e Totalrevision, das chasch nid bringe. De wüsstisch de grad sofort, was es nid gschlage het. Will d Rädli und Zähnli und Zeiger ir Chirche si nid us Metall, si us Fleisch und Bluet und Härz.

Das isch ja ds wunderschöne Dilemma: E Reformation bechunnsch nume am läbige Subjekt.

A eim Tag schaffsch das sowieso nid. Sone Reformation, das bruucht sini Zyt. Und i dere Zyt, wo Gott weiss wär dr Chirche uf d Sprüng hilft, wär’s schono guet, we d Chirche im Dorf blibt. Also itz nid nume wägem Ticke, Klacke, Surre und Lüte. Das o. Aber vor allem, will die, wo am Puls vor Zyt wott blibe, dr Luxus vor Zytlosigkeit letschtändlech nid het.

Und was die Sach mit dr Uhr am Chirchturm ageit: E Chirchturm macht no lang ke Chirche.

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