Atomausstieg: Wo chiemte mr hi?

(Vorsicht Galgenhumor)

Es ist wieder Abstimmungszeit! Auf nationaler Ebene ist unsere Meinung dieses Mal nur in einem Punkt gefragt: Es geht um die strahlend schönen ‚Betonklötze‘, die gleich fünfmal in der Schweiz zum Sightseeing einladen. Wollen wir die lieber früher als später loswerden? Denn loswerden wollen wir sie ja. Nur eben nicht heute.

Wobei von ‚loswerden‘ keine Rede sein kann. Die Geister, die wir riefen, werden wir nun nicht mehr los. Atommüll ist eine «never-ending Story» – eine ohne Happyend. Die Schweizerische Energie-Stiftung schreibt: «Atommüll ist ein strahlendes Erbe für 1 Million Jahre.» Selbstverständlich ist das eine – wissenschaftlich gut gestützte – These. Denn so genau wissen wir es nicht, weil wir eben noch nicht so lange im Strahlenbusiness tätig sind. Wir wissen nur, dass die Endlagerung von Atommüll nach wie vor ein ungelöstes Problem darstellt, dass in Tschernobyl ein Gebiet in der Grösse des Kantons Tessin seit 30 Jahren verstrahlt und unbewohnbar ist und dass besagter Kanton dank Tschernobyl bis heute verstrahlte Wildschweine beherbergt.

Klar, Tschernobyl ist lange her. Fukushima auch schon ein bisschen. Hätten wir im April 2011 über den Ausstieg abgestimmt, es wäre wohl eine beschlossene Sache gewesen – meine ich. Hiobsbotschaften sowie Schreckensbilder in den Medien und dieses unangenehme Gefühl von Unsicherheit sind die beste Propaganda. Nur dass die Botschaften langsam ausblieben, die Unsicherheit abflaute und selbst die Ängstlichsten ihre Kaliumodid-Tabletten irgendwann wieder in der hintersten Ecke ihres Medizinschränkchens verstauten.

Und überhaupt: ‚So etwas kann bei uns ja gar nicht passieren. Unsere Kernkraftwerke sind viel sicherer als die der anderen. Die anderen haben das mit der hohen Sicherheit zwar auch gesagt, aber die hatten halt eben keine Ahnung.‘ Wenn wir so reden, vergessen wir Lucens 1969. Dass die Schweiz bisher von schlimmeren Zwischenfällen verschont geblieben ist, ist Glück. Das muss man wohl so sagen, wenn man als Nachbarn einen AKW-Junkie wie Frankreich hat. Dort sind gleich 58 architektonische Meilensteine in Betrieb.

Nun haben natürlich die Gegner der Initiative ihrerseits auch Argumente gegen den Ausstieg. Argumente, die durchaus zu bedenken sind. Einige zumindest. Zum Beispiel produzieren unsere fünf Beton-Beauties rund 40% unseres Stroms. Fielen die weg, müssten wir allenfalls Energie aus dem Ausland beziehen – dreckige Energie. Das sei heuchlerisch. Klar, dass wir den Dreck dann lieber gleich selber machen. «Meh Dräck» ist halt längst Kult hierzulande. Allerdings gibt es so auch keinen Grund, in der Schweiz vorwärts zu machen in Sachen alternative Energie. Die AKWs laufen ja noch. Dabei stehen nachhaltige Konzepte längst in den Startlöchern.

Gerne werden auch finanzielle Argumente angeführt. Das wirtschaftliche Totschlagargument hat in der Schweiz noch immer funktioniert. In meinen gefühlten «Top 10» der schlagenden Abstimmungsargumente rangiert es auf Platz eins, dicht gefolgt von Sicherheit und Familie – aber eben nur dicht gefolgt. Anstatt den Islam permanent zum Staatsfeind Nr. 1 zu küren, würden wir guten Christen und Christinnen uns lieber mit den Zeitbomben in unserem Garten auseinandersetzen – «wer frei von Sünde ist …»

Apropos Bibel – betreffend Kernenergie ist mir Kurt Marti immer wieder Inspiration. Der Berner Theologe und Pfarrer hat sich bereits in den 80ern entschieden gegen Atomenergie eingesetzt: «Es gibt nur einen sicheren Atomreaktor: den stillgelegten oder erst gar nicht gebauten» (Notizen und Details, 1964-2007)! Dass es Christen geben könnte, die sich für Atomenergie aussprechen, kann er sich beim besten Willen nicht vorstellen.

Es gibt ein Gedicht von Marti, dass mir bei genau solchen Fragen immer wieder in den Sinn kommt. Sie kennen es vermutlich: «Wo chiemte mr hi, wenn alli seite, wo chiemte mr hi und niemer giengti für einisch z’luege, wohi dass me chiem, we me gieng» (Rosa Loui). Es ist gut möglich, dass wir bei einem Ausstieg Übergangslösungen suchen müssen, dass wir mit unserem Energieverbrauch in Bedrängnis geraten, dass wir kürzertreten müssen. Die Notwendigkeit von Verzicht lässt sich nicht schönreden. Sie lässt sich früher oder später aber auch nicht mehr leugnen. Der vom Bundesrat favorisierte Ausstieg 2050 läuft nach dem Motto: «Was Du heute kannst besorgen, das verschiebe ruhig auf morgen.» Das Problem ist, dass wir das schon viel zu lange gemacht haben.

Die Schweiz versteht sich gerne als ein Land der Innovation. Jetzt ist so eine Zeit der Innovation. Jetzt sind die kreativen Denker und Macher gefragt. Die Schweiz versteht sich auch gerne als ein Land des Fortschritts. Dann lasst uns um Himmels und aller Menschen Willen einen Schritt nach vorne tun. Zweifelsfrei können wir in dieser Frage keine Pioniere mehr sein, dafür haben wir es uns zu lange in unseren Atomstrom-beheizten, vermeintlich sicheren Wohnzimmern gemütlich gemacht. Aber wir könnten zumindest schauen, wohin wir kämen, wenn wir denn gingen. Darum, lasst uns mutig sein: Atomausstieg, ja!

Ceterum censeo, dass in Zürich diese unsäglich unchristliche EDU- Initiative nur in eine Richtung gehört – bachab.

Beten & das Gerechte tun

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Vor kurzem stiess ich per Zufall auf Bonhoeffers «Gedanken zum Tauftag von D.W.R.» vom Mai 1944. Der Text ist wohl nicht nur aus heutiger Perspektive ein Wechselbad der Gefühle. Er erstaunt und entmutigt mich. Und doch stimmt er mich irgendwie hoffnungsvoll. Erstaunt bin ich, weil Bonhoeffers Text beinahe gerade so gut in diesen Tagen hätte geschrieben werden können. Entmutigt, weil sich seit 72 Jahren offenbar immer wieder dieselben Fragen stellen und nur wenig geschieht. Hoffnungsvoll bleibe ich, weil mich allen Widrigkeiten zum Trotz Bonhoeffers Zuversicht und Vision begeistern. Aber lest selbst:

«Du wirst heute zum Christen getauft. Alle die alten grossen Worte der christlichen Verkündigung werden über Dir ausgesprochen und der Taufbefehl Jesu Christi wird an Dir vollzogen, ohne dass Du etwas davon begreifst. Aber auch wir selbst sind wieder ganz auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen. Was Versöhnung und Erlösung, was Wiedergeburt und Heiliger Geist, was Feindesliebe, Kreuz und Auferstehung, was Leben in Christus und Nachfolge Christi heisst, das alles ist so schwer und so fern, dass wir es kaum mehr wagen, davon zu sprechen. In den überlieferten Worten und Handlungen ahnen wir etwas ganz Neues und Umwälzendes, ohne es noch fassen und aussprechen zu können. Das ist unsere eigene Schuld. Unsere Kirche, die in diesen Jahren nur um ihre Selbsterhaltung gekämpft hat, als wäre sie ein Selbstzweck, ist unfähig, Träger des versöhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen und für die Welt zu sein. Darum müssen die früheren Worte kraftlos werden und verstummen, und unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neugeboren werden aus diesem Beten und diesem Tun. Bis Du gross bist, wird sich die Gestalt der Kirche sehr verändert haben. Die Umschmelzung ist noch nicht zu Ende, und jeder Versuch, ihr vorzeitig zu neuer organisatorischer Machtentfaltung zu verhelfen, wird nur eine Verzögerung ihrer Umkehr und Läuterung sein. Es ist nicht unsere Sache, den Tag vorauszusagen – aber der Tag wird kommen –, an dem wieder Menschen berufen werden, das Wort Gottes so auszusprechen, dass sich die Welt darunter verändert und erneuert. Es wird eine neue Sprache sein, vielleicht ganz unreligiös, aber befreiend und erlösend, wie die Sprache Jesu, dass sich die Menschen über sie entsetzen und doch von ihrer Gewalt überwunden werden, die Sprache einer neuen Gerechtigkeit und Wahrheit, die Sprache, die den Frieden Gottes mit den Menschen und das Nahen seines Reiches verkündigt. ‘Und sie werden sich verwundern und entsetzen über all dem Guten und über all den Frieden, den ich ihnen geben will’ (Jerem. 33,9). Bis dahin wird die Sache der Christen eine stille und verborgene sein; aber es wird Menschen geben, die beten und das Gerechte tun und auf Gottes Zeit warten. Möchtest Du zu ihnen gehören und möchte es einmal von Dir heissen: ‘Des Gerechten Pfad glänzt wie das Licht, das immer heller leuchtet bis auf den vollen Tag’ (Sprüche 4,18).»

Aus: Bonhoeffer, Dietrich, Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, hgg. von Bethge, Eberhard, 131985, 152f.

Chirchebsuech

Eismal bini ungr dr Wuche i ne Chirche gange.

I sone alti, grossi, chalti.

I eini vo dene, wo mä sech chuum drfür het, öpis ds säge.

Mugsmüslistill bini gsi dert inne.

Drbi bini muettersseeleallei gsi.

Abr gäu, i sonere Chirche muesch halt still si – seit mä.

I bi uf ne Bank ghocket.

Uf eine vo dene alte, herte Holzbänk.

Furchtbar unbequem isch das gsi.

Abr gäu, inere Chirche muesch ja irgendwo härehocke.

Und wo i so dert bi ghocket,

i dere grosse, alte, chalte Chirche,

uf däm alte, herte, unbequeme Holzbank,

het’s mi düecht, es fähli öppis.

Eh ja, es het eso läär gwürkt,

wo i dert so allei bi ghocket.

Höchi, herti Muure hets gha.

Abr chuum es Bild.

Es isch äbe e reformierti Chirche gsi.

Nid so e katholischi, wo si mit dä Bilder und dä Chrütz nume eso chlotze.

Nei, bi dä Reformierte wird meh klekeret als chlotzt, wes um Bilder geit.

Ou vore bim Chor, bi dr Kanzle, hets mi eher kahl düecht.

Abr wini so dert bi ghocket, ha i mr dänkt:

Es ligt nid a dere alte, chalte Chirche,

o nid a däm unbequeme Bank

und erscht rächt nid a dene mässig verzierte Muure,

dass hie öpis fählt.

Nei, es muess öpis anders si.

Und wini so am studiere bi gsi, was es de isch, wo da fählt, isch öper inecho.

E älteri Frou, es regurächts Müetti. Also, es Grosi wi usem Bilderbuech.

Wo si mi gseh het, isch si fadegrad uf mi zugeschtüüret und het afa brichte.

U de nid öpe lislig.

Eh das sig itz schön, dass si mal öper aträffi i dere Chirche, het si gseit.

Süsch sig si ungr dr Wuche geng ganz allei hie, het si gseit.

Und de fähli halt scho chli öpis i dr Chirche, het si gseit.

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Zum Geburtstag des Berner Värslischmieds

Lieber Mani,

darf ich Mani sagen? Es scheint mir, als würde ich Dich schon eine Ewigkeit kennen. Wie mir geht es wohl unzähligen anderen, die mit Deinen Liedern gross geworden sind. Wir kennen Dich freilich nicht so, wie Deine Weggefährtinnen und Weggefährten – Deine Frau Joy Matter oder Nydegg-Pfarrer Kurt Marti etwa.

Als ich noch klein war, hatten wir eine Kassette von Dir. Ir Ysebahn. Die Kassette hatte schon meiner Mutter gehört. Fast jeden Abend hat mich Deine Stimme in den Schlaf begleitet. Fast jeden Abend haben ich und meine zwei Brüder Dir zugehört, wenn Du über existentielle Nasenchirurgie, die Tücken des Amtes und die Fragilität der Schweizerischen Eidgenossenschaft sinniert hast. Noch heute staune ich darüber, wie Du selbst schwierige Themen in scheinbar leichte und geschmeidige Worte gehüllt hast. Scheinbar. Du seist ein sehr genauer Värslischmied gewesen, erzählt man sich, habest oft Ewigkeiten an Deinen Texten getüftelt. Dass Deine Lieder keineswegs frei von Ernsthaftigkeit sind, habe ich bereits früh gespürt. Sie sind aufrichtig. Sie beschönigen die Realität nicht, sie verführen zum Hinterfragen. Vielleicht habe ich mich deswegen so in ihnen geborgen gefühlt, weil sie mir das alles zutrauten. Weil sie mich ernst nahmen.

Und doch hast Du mir erlaubt, zu flüchten. Wenn wir Brüder durch die Holzdielen des alten Bauernhauses unsere Eltern streiten hörten, wenn mein Vater in der Nacht wie eine Naturgewalt betrunken durch das Haus donnerte, konnte ich mich nach Deiner Stimme richten. Konnte ich Deinen Worten folgen, die mich letztendlich doch sanft in den Schlaf sinken liessen. Deine Lieder bedeuten für mich Geborgenheit. Noch heute singe ich mir in schwierigen Momenten leise mit ihnen Mut zu. Ich singe von der „Ysebahn“, von der „Chue am Waldrand“, vom „Sidi Abdel Assar vo el Hama“.

Später bin ich auf weitere Deiner Texte gestossen. In einer Bücherei fand ich Dein Rumpelbuch. Über Dein Doppelbett kann ich noch heute herzhaft lachen. Ich fand aber auch immer wieder Impulse, die mir für meinen eigenen Weg wichtig wurden. Etwa Deine Worte zur Tradition. „Was unsere Väter schufen, war, da sie es schufen, neu. Bleiben wir später den Vätern treu, schaffen wir neu.“ Ein Satz, so simpel er ist, der mich in meinem theologischen Studium immer wieder herausgefordert hat und herausfordert, neu und anders zu denken, weitere Perspektiven einzunehmen und im Blick auf unsere Ahnen – von Deiner „Ahneforschig“ weiss ich, dass die Vererbung nicht unwesentlich ist – mutig weiterzugehen. Zugegeben, oft fehlt mir dieser Mut. Aber Gott sei Dank bleiben mir ja auch noch Deine Lieder.

Die Eigenschaften, die Deine Texte und Lieder auszeichnen sind für mich, mein theologisches Arbeiten und vor allem für mein noch zaghaftes Predigen wegweisender als manche kluge Homiletik geworden. Du hast immer ganz genau hingeschaut, hast Deinen Zuhörerinnen auch die Melancholie und den Zweifel zugetraut. Du hast sie lachen lassen und liessest sie auch einmal Trauer spüren – etwa die eines Dällebach Kari. All das hast Du in nur scheinbar einfachen Worten gesagt. Mit Deinen Worten hast Du es mir dennoch leicht gemacht, Deiner Stimme zu folgen. Zu Deinem 80. Geburtstag, lieber Mani, danke dafür!

Die Kirche ist nicht das Himmelreich

In der reformierten Kirche Berns geht die Angst um. Nicht, dass man davon spräche. Aber wenn über Kirche geredet wird, ist die Angst oft deutlich zu spüren. Angst vor der Zukunft, Angst vor dem Mitgliederschwund, Angst vor dem Bedeutungsverlust. Diese Angst ist nicht unberechtigt. Die Kirchenbänke leeren sich, Glaube wird mehr und mehr zur Privatsache und der Satz «Aber bitte nichts mit Gott» ist bei Traugesprächen längst salonfähig geworden.

Dass es ein Leben ohne Kirche gibt, weiss ich selbst am besten. Mit der altehrwürdigen Institution kam ich erst so richtig in Berührung, nachdem ich schon einige Semester Theologie studiert hatte – die Trockenübungen zwecks Konfirmation einmal ausgenommen. Heute bin ich Teil der Kirche. Ich habe tatsächlich die Seiten gewechselt. Ich bin dankbar, dass es die reformierte Kirche in all ihrer Vielfalt gibt und es macht mich nachdenklich, wenn Menschen meinen, Kirche sei angestaubt und hinfällig. Noch nachdenklicher stimmt mich jedoch die Angst innerhalb der Institution. Denn Angst steckt an, sie lähmt – auch mich.

Ich beobachte, dass es in der Landeskirche in der Regel zwei Wege gibt, mit Angst umzugehen. Bei der ersten Variante wird die Realität schöngeredet – «Es ist sowieso besser, wenn nur die in den Gottesdienst kommen, die auch wirklich wollen». Bei der zweiten Variante wird einfach geschwiegen. Die zweite Variante ist besonders beliebt bei heiklen Themen wie etwa Homosexualität. Unsere Stellungnahme zur Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare habe ich an die zuständigen Institutionen und Personen in Bern geschickt. Deren Reaktionen? Null. Auf der anderen Seite: Keine Antwort ist auch eine Antwort.

Weil Kirche Angst vor der Zukunft hat, hat sie Angst, etwas Falsches zu tun. Also tut sie viel zu oft nichts oder zu wenig. Sie klammert sich an Traditionen, Dogmen und Kirchengebäude. Auf Kritik reagiert der Kirchenadel gerne empfindlich. Man will um jeden Preis überleben, den Status quo erhalten – und befeuert gerade dadurch den ekklesiologischen Supergau. Ich verstehe das. Denn wenn es um Kirche geht, geht es immer auch ein wenig um Heimat. Wenn diese Heimat bröckelt, sieht man nur allzu schnell die guten christlichen Werte bedroht. In meinem Fall sehe ich ja sogar meinen Job bedroht.

Aber die Kirche ist nicht das Himmelreich. Ihre Institutionen, Lehren und Gebäude sind nicht viel mehr als der Versuch, einem unfassbaren Gott einen Rahmen zu geben. Sie sind Stückwerk. Wenn jetzt noch Angst im Spiel ist, wird aus dem Versuch sehr schnell Zwängerei. Dabei wird gerne vergessen, dass nicht wir es sind, die das Himmelreich einrichten, sondern Gott.

Es gibt einen Unterscheid zwischen einer sinnvollen und sinngebenden Kirche. Die meisten Kirchen sind sinnvoll. Um das zu begreifen, reicht oft ein Blick auf das vielfältige spirituelle und karitative Engagement. Ein Engagement, dass das römische Reich mehr als einmal vor dem Kollaps bewahrte und bis heute der Gesellschaft einen Dienst leistet, welcher den Sozialstaat andernfalls wohl teuer zu stehen käme.

Aber keine Kirche ist sinngebend. Sinngebend ist die frohe Botschaft. Die Kirche ist lediglich die Bühne, auf dem das Stück zur Aufführung gelangt. Die Bühne ist austauschbar. Was für ein kümmerliches Evangelium wäre das, wenn es von Mauern, Traditionen und Institutionen abhinge? Und was für ein Trauerspiel, wenn die Angst Regie führt? Um es mit den Worten Martin Luthers zu sagen: «Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz.»

Wir haben in der Kirche alle Freiheit. Und wir predigen auch gerne über diese Freiheit. Die Freiheit, die uns Christus schenkte. Die Freiheit, von der Paulus sprach: «Denn zur Freiheit seid ihr berufen worden.» Aber nützen wir diese Freiheit auch? Bestimmt sie mehr als unser Reden von Gott? Gestehen wir sie denen zu, die neues probieren wollen oder – noch schlimmer – uns kritisieren?

Es tut der Kirche gut, durchgeschüttelt zu werden. Reformation ist ein mehr oder weniger beständiger Prozess und kein starrer Status. Wenn sie zu letzterem geworden ist, ist es höchste Zeit, dass wir uns in unser geliebtes Wort fallen lassen – damit wir es uns in unseren Gemäuern und Traditionen ja nicht zu bequem einrichten. Ein Grund zur Angst ist das noch lange nicht. Wir verkündigen das ewige Leben und nicht Dantes Inferno. Oder um noch einmal Luther zu zitieren: «Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch ein Bäumchen pflanzen.»

D Schublade

I han e Schublade. So e grossi. Eini, wo aues drin ine passt, won i bruuche.
Allergattig isch da drinne, i dere Schublade.
Lybli – wyssi und schwarzi. Socke – glismeti und koufti. Ungrhose – bequemi und unbequemi.
Schnuderhudle, Tyschis u o paar Hose – schiggi und serigi, wo i de o trage.
Hemmli han i ou es paari. Derigi mit eme normale Chrage und derigi miteme Vattermörder.
I ha so viu Sache i mire einzige, grosse Schublade, i ha sogar es Gnuusch drinne.
Und wenn ig öpis wott usenäh us mire Schublade, de muess i zerscht mal z’grächtem wuusche.
Eso e Schublade, so eini, so e grossi isch nid nume praktisch.

Es git ja ou Lüt, die hei für aues e eigeti Schublade. Di hei ganz viu chliini Schubladene.
E Schublade für d Lybli, eini für d Socke, eini für d Ungerhose.
E Schublade für d Schnuderhudle – we ine de das nid ds unordentlech isch.
E Schublade für d Tyschis, eini für d Hose und eini für d Hemmli.
Teil ungerscheide ou nach Farb und Material, nach Qualität und Verwändigszwäck.
Teil hei ou e Schaft, abr das isch eigetlech ds Gliiche in höch.
Teil hei ou Schäftli, abr das si eigetlech nume Schubladene mit Türe.
Item. Teil finge das Schublade-System eso praktisch, dass si’s churzerhand erwitere.

Si mache Schubladene für iri Chuchitüechli, für iri Säubsthhilfe-CDs und für iri Pille.
Si mache Schubladene für iri Chochrezäpt, iri Ferieföteli und für iri Shopping-Rächnige.
Si mache sogar g’heimi Schubladene. Di si für iri Passwörter, iri Liebesbriefe und iri Schmuduheftli.

Abr teilne längst das no nid. Teil hei no Platz für paar Schubladene meh.
Si mache zwar nid bi auem es Büro, doch immerhin e neuii Schublade uf.
Eini für e Nachber, eini für e Chef, eini für e Staat und eini für d Chirche.
Eini für di schöne und eini für di weniger schöne Mönsche.
Eini für die Schönheite, wo mä nachem Usgang würd hei näh und eini für die, wo gschidr grad dahei wäre blibe.
E Schublade für d Schwygermuetter und eini für di eigeti.
E Schublade für di Riiche, die Arme, die Junge, eini für di Aute und eini für d Asylante
Und de no eini für die, wo nid nachem gliiche System schubladisiere.

Es het nämlech nid e jede di gliiche Präferenze bim Schubladisiere.
Es komplexes System bedingt komplexi Lösigsstrategie.
Eso hei di einte zum Bispiu e Schublade für die ungrettete Unglöibige,
die andere eini für die vernunftlose Fromme.
Teil hei eini für die linke Chaote und anderi hei eini für die, wo rächtsum im Stächschritt marschiere.

Und wüll’s de langsam gliich e chli unübersichtlech wird, griffe Paari churzerhand zumene Trick.
Si mache grossi Schubladene für di vile chliine Schubladene.
E gueti und e bösi, e hälli und e dunkli.
Angerne isch das de doch z kompliziert.
Si archiviere iri Schubladene und bediene sech numen no vo dere,
wo grad so gäbig ir Rychwiti ligt. Meischtens isch das di ungerschti.

Was neu chunnt, wird sofort registriert und fachgerät schubladisiert.
Ds Neue oder o ds Andere oder o ds Andersdänkende isch em Schubladeur si Feind.
E Schubladeur wot ds Frömde frömd bhaute,
wot d Angscht wach bhaute.
Är wot dr Dialog ds Tod schubladisiere.
Schublade zue und Ruhe, chönnt mä säge.
Dr Schubladeur isch vo Natur us es Ordnigstier,
wo au di Schubladene wo i dr Schublade mitem Etikett „schlächt“ schubladisiert si,
am liebschte wett verrigle, verrammle, zuesperre, abschliesse, vernagle, verruume, vermache – us dä Ouge und ou no grad usem Sinn ha.
Si si schubladisiert, abgfertiget, fertig gmacht, beurteilt ohni Widerspruch oder Ispruch und erscht rächt ohni Aspruch.
Bisch ir Schublade dinne, chunnsch nümme so liecht use.
U das geit imene Affezahn vostatte das Schubladisiere.
Schublade uf, Aff ine, Schublade zue. Fertig. Punkt. Eso isches.
D Schubladeure si nid zimperlech.
Di nähme dr Vorschlaghammer oder de grad d Dolmar Elektro-Chöttesagi usem Jumbo, auso o us Asie.
Mit dene Qualitätsprodukt hämmere si und sage si eim Schubladekonform.

Wobi i muess ja itz säge, es isch nid nume schlächt so es Schubladesystem.
Auso we’s um d Lybli geit, um d Socke, um d Ungerhose, d Schnuderhudle – we’s eim nid gruuset –, um d Tyschis, um d Hose und um d Hemmli – ob itz mit normalem Chrage oder Vattermörder.
Guet, bi dä Hemmli sigs ja schins eh gschider, mä hänkt sä uf. Wäg dä Falte und so.
U de gliich, fingsch d Sache viu schnäller bi somene Mehrfach-Schublade-System, muesch nid geng umewuusche. Chasch Di halt gäbig orientiere.
Allerdings, ds vil Schublade si äbe o nid nume guet.
Wüll da chasch de o d Übersicht verlüüre und am Änd si’s äbe nid nume Socke, wo verlüürsch.

Feminismus: Eine männliche Mission Impossible?

Als Sibylle Forrer im Juli im Wort zum Sonntag über die immer noch bestehende Diskriminierung von Frauen sprach, schien das Thema sowohl in meiner Twitter- als auch auf meiner Facebook-Timeline von neuem omnipräsent. Zu Recht! Zugegeben, ich war nicht immer dieser Meinung – was wohl mehr mit Unwissen denn mit ernsthafter Positionierung zu tun hatte. Zugegeben, manchmal werde ich sauer, wenn ich das Gefühl bekomme, schon allein wegen meines Geschlechts ‚verloren‘ zu haben – ein Gefühl, das vielen Frauen allerdings ziemlich bekannt vorkommen dürfte. Und ja, zugegeben, gegenüber einer Frauenquote bin ich kritisch – was jedoch damit zusammenhängt, dass ich dieselben Ausgangsbedingungen für Männer und Frauen erwarte und Fähigkeit in meinen Augen geschlechtsunabhängig ist. Trotz – oder vielleicht gerade wegen – alledem stimme ich den Worten von Sibylle Forrer zu.

Dennoch beschlich mich einmal mehr ein gewisses Unwohlsein. Nicht etwa, weil ich gegen das wäre, was da gesagt und geschrieben wurde, sondern weil ich – heterosexuell, männlich, weiss – in einem Dilemma stecke. Das soll jetzt keine „Männer sind die eigentlichen Opfer“-Rechtfertigung werden, denn Männer sind nicht die Opfer. Daher rührt ja das Dilemma, dass der weisse, heterosexuelle Mann keiner Minderheit angehört und dass er das über die Jahrtausende hinweg schamlos ausgenutzt hat und es heute noch viel zu oft tut. Das Recht, sich in eine Opferrolle zu begeben, von sich als eigentlich Diskriminiertem zu sprechen, hat er sich damit gründlich verspielt. Neben ihm kann das nur noch das Christentum von sich behaupten, was nicht verwundern kann, wenn man sich einmal Geschlecht und Hautfarbe der geistlichen Hirten vor Augen führt.

Um von sich als diskriminiert sprechen zu können, muss ‚man‘ einer Minderheitengruppe angehören. Der europäische weisse Mann hat nie einer Minderheitengruppe angehört. Er war – und ist es vielerorts noch – die Norm. Das Dilemma ist nun, dass der weisse Mann im Rahmen der öffentlichen Feminismus- und Gleichberechtigungsdebatte zum einen unter Druck steht, seinen Anspruch auf Universalität niederzulegen und sich selbst endlich als eine Gruppe unter vielen zu begreifen, zum anderen genau das nicht tun kann. Jeder Versuch, sich im Verhältnis und in Bezug zu anderen Gruppen zu positionieren, würde auf „Misstrauen, Unverständnis und Widerstand stossen“.  Diese Spannung hält manch ein Mann nicht aus, was sich gut an mannigfachen verbalen und physischen Übergriffen tiefst beschämender Sorte verdeutlichen lässt.

Dabei ist Feminismus etwas, was auch den Mann – gerade den Mann! – unbedingt angeht. In seiner Rolle steht es ihm aber offenbar nicht zu, sich dazu zu verhalten. Dieses Dilemma spüre ich oft, wenn das Thema – so wie dieser Tage – intensiv diskutiert wird, ich mich allerdings weder kompetent noch bemächtigt fühle, etwas dazu beizutragen. Vor einigen Tagen twitterte ich folgenden Eintrag: „Immer wenn ich was über starke Frauen twittern will, halte ich inne und lasse es bleiben aus Angst, die falsche Frau als stark zu bezeichnen.“ Gestern stellte ich fest, dass die Bezeichnung ‚starke Frau‘ sexistisch aufgefasst werden kann. Was also tun? Die Hände in den Schoss legen und leise nickend die Frauen machen lassen? Nein! Viel mehr ist der weisse Mann herausgefordert, darüber zu reflektieren, dass das, was er als Abstiegserfahrung oder vielleicht sogar als Erniedrigung versteht, in Tat und Wahrheit Gleichberechtigung ist. Die Vorzüge, die der weisse Mann damals wie heute geniesst, stehen ihm nicht mehr zu, als allen anderen auch. Dabei geht es einem aufrichtigen Feminismus nicht um die Unterjochung der Männer à la „den Männern zahlen wir’s jetzt heim“, sondern um die Herstellung einer Gemeinschaft, in der alle Menschen gleichermassen gewürdigt werden.

Der Feminismus betrifft neben der staatlichen sowie wirtschaftlichen Dimension auch die sprachliche. Männer wie Frauen müssen gemeinsam weiterhin eine Sensibilität für die Sprache ausbilden und einander helfen, tradierte aber auch diskriminierende Formulierungen abzulegen. Sprache ist immer auch Ausdruck einer Kultur. Sie ist das Aushängeschild dessen, wofür wir einstehen. Sie ist aber auch Ausdruck von Kommunikation. Mit ihr können die unsinnigen Grabenkämpfe – hier nur der frauenverachtende Macho und dort bloss die männerhassende Furie – überwunden werden. Vorwürfe werden uns kaum weiterbringen, sondern die konstruierte und weithin leider doch reale Kluft zwischen Mann und Frau nur noch weiter aufreissen. Das zu verhindern, erfordert von allen Beteiligten einiges an Geduld und Entschlossenheit. Während die Frauen weiterhin mit Recht auf eben dieses pochen, ist es an den Männern, das Unmögliche zu tun und ihre Position im Verhältnis zu anderen, gleichwertigen Positionen zu überdenken und – inklusive der Gefahr, ab und an ordentlich zu scheitern – an der Kommunikation teilzunehmen. Feminismus geht auch die Männer an. Dank uns Männern haben wir den Salat ja erst! Da ist es nur fair, sich für die Gleichberechtigung reflektiert sowie aktiv einzusetzen, die Verantwortung also wahr- und die Mission Impossible anzunehmen. Wenn das nicht ‚männlich‘ ist, weiss ich auch nicht.

Verwendete Literatur: Di Blasi, Luca, Der weisse Mann. Ein Anti-Manifest, Bielefeld 2013.

Unser Leben in der Superlative?

Es gibt diesen einen Werbeslogan – er stammt bezeichnenderweise von einer Fast-Food-Kette –, der unseren Zeitgeist recht treffend wiedergibt: Bigger. Better. Burger King.
Wir befinden uns im zwanghaften Sog einer ständigen Aufwärtsspirale. Ein Abwärts gibt es nicht, darf es nicht geben. Schreibt eine Firma nur gleich viel Gewinn wie im Geschäftsjahr zuvor, gilt das schon als herber Rückschlag. Nimmt sich jemand eine Auszeit, etwa für die Familie, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass die- oder derjenige im Beruf den Anschluss verliert. Die Welt schwingt sich rasend schnell zu immer neueren, noch waghalsigeren Höhen empor. Wer innehält, verliert. Der lange Atem ist keine Tugend unserer Gegenwart.
Aber nicht nur in unserem Berufs-, sondern auch in unserem Privatleben haben wir die Devise „Bigger. Better. Burger King“ längst verinnerlicht. Die Freizeit muss verdient und im Anschluss gleich auch noch optimal durchgeplant sein. Noch nie hatten die Menschen so viel Freizeit wie heute und noch nie wussten die Menschen weniger damit anzufangen. Ich ertappe mich nicht selten dabei, dass ich am lang herbei ersehnten freien Tag da sitze und offen gestanden nicht den geringsten Schimmer habe, was ausser arbeiten ich denn tun soll. Nichts tun, wäre eine Möglichkeit. Allerdings haben wir selbst das bereits dem Optimierungszwang unterworfen. Allerlei Selbsthilfebücher, Therapien, Tabletten und Kurse sollen uns helfen, damit wir auf schnellstem Wege wieder einfach nur sein können. Eine Herkulesaufgabe in einer Zeit, in der man sich über das Tun definiert. Dass die Aufwärtsspirale nicht in alle Ewigkeit zu halten ist, scheint offenkundig. Aber wie bei der Klimaerwärmung verschieben wir auch hier den Kollaps lieber in eine Zukunft, in der wir dann schon eine optimale Lösung parat haben.
Auch für den Glauben gilt „Bigger. Better. Burger King“ wieder mehr. Auf Twitter bin ich vor kurzem dem Hashtag #beyondblessed begegnet. Reicht der einfache Segen Gottes nicht mehr aus? Die Stärke des Glaubens, die persönliche Beziehung zu Gott oder Jesus Christus scheint für viele Menschen wieder messbar und für die zwischenmenschliche Anerkennung relevant zu sein. Herbert Grönemeyer singt: „Du glaubst nicht besser als ich“. Ich glaube, dass das nicht alle so sehen. Heilungen und ekstatische Zustände sollen uns Jesus näher bringen, das Reich Christi will übergross, glorreich und strahlend zelebriert und erlebt werden. Logisch, der grösste Gott verdient das grösste Fest. Die Beziehung zu Gott, der eigene Glauben soll immer mehr vertieft, die eigene Christlichkeit immer stärker offenbar werden. Ein solcher Glaube ist jedoch dem „bigger. better“ unserer Zeit erlegen und hat in Pomp und Ekstase seine Schwachheit erwiesen, weil er nicht zur Ruhe in Gott führt, sondern unentwegt und erbarmungslos in ein stürmisches Nirvana. Denn was folgt nach dem noch grösseren Glauben, dem noch grösseren Wunder, der noch tieferen Beziehung? Dieses kleine Wort „noch“ ist lediglich ein Deckname für das altbekannte Fass ohne Boden. Ein Leben auf der ewigen Jagd nach dem nächsten Erfolg, dem nächsten Hochgefühl, der nächsten „life changing“ Gotteserfahrung, ist dazu verdammt, sein Dasein im Hamsterrad des ewigen Komparativs zu fristen.
Dabei liegt im Christen- und auch Judentum ein ganz anderer Ansatz bereit, der die Kraft hat, dem „bigger. better“ dieser Tage eine heilsame Alternative entgegen zu setzen. Der erste Schöpfungsbericht im Buch Genesis erzählt davon, wie Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen habe. Das muss man sich einmal vorstellen, die ganze Welt, in sechs Tagen! Also wenn das nicht das grösste und gewaltigste ist, was jemals jemand getan hat, dann weiss ich auch nicht. Und tatsächlich scheint Gott mit seiner Arbeit sehr zufrieden zu sein. Immerhin nimmt er sich nach jedem Tagwerk die Zeit, um dasselbe zu bewerten. Dumm ist nur, dass Gott für seine Schöpfung, die Grundlage allen Lebens, offenbar ganz andere Bewertungskategorien hat als wir. Statt „das Beste“, „das Grossartigste“ oder „eine Meisterleistung“, nennt Gott sein Werk einfach gut. Das höchste der Gefühle finden wir in Genesis 1,31: „Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte, und sieh, es war sehr gut.“ Die Schöpfung, zu Beginn vollkommen, war einfach nur dies: sehr gut. Das reichte aus – vollkommen. In diesem „Gütesigel“ Gottes liegt ein entlastender Massstab für unser Sein und Tun. Nicht Effizienz, Perfektion, Ekstase oder Glaubenstiefe machen den Unterschied, sondern einzig und allein Güte.
Auch im zweiten Schöpfungsbericht wird in einem ähnlichen Zusammenhang derselbe Massstab angewandt. Als Gott den ersten Menschen ansieht, erkennt er: „Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine ist“ (Gen 2,18). In dieser Bibelstelle wird die uralte und von der Soziologie bestätigte Einsicht ausgedrückt, dass der Mensch Gemeinschaft braucht. Erst dann ist es gut. Erst dann ist die Schöpfung im Sinne des ersten Schöpfungsberichts gut. Erst dann, in der Gemeinschaft, kann menschliche Güte überhaupt erst entstehen. Es ist gut, dass der Mensch nicht allein ist. Die Gemeinschaft muss nicht himmelhochjauchzend oder zu Tode betrübt sein. Sie wird es an den wenigsten Tagen sein. Die Schmetterlinge werden den Bauch auch einmal verlassen, die Begegnung mit anderen Menschen wird nicht immer „life changing“ sein, die Beziehung zu Gott wird sich nicht jedes Mal in hochemotionalen Tiefen erleben lassen. Das macht nichts, solange die Gemeinschaft gut ist.
Wir müssen neu lernen, das Gute zu sehen – in Gott, der Welt, den Menschen, in uns selbst. Das verheisst einiges an Arbeit und Geduld. Aber das spielt keine Rolle, denn letztlich ist – für einmal – nicht das Tun entscheidend, sondern das Sein. Das Sein in der Güte Gottes. Das Sein in der Güte der Gemeinschaft. Und dann, wenn wir den Blick für das, was gut ist, geschärft haben, wird sich wohl mancher Spaziergang an der Aare oder im Wald, manches gute Gespräch als wahrhaftiges Wunder erweisen. Wie schon Joe Cocker treffend und zugleich paradox sang: „The best things in life are the simple things.“ Und so gefällt mir denn auch der Slogan der anderen Fast-Food-Kette – verzeihen sie an dieser Stelle bitte den Komparativ – entschieden besser: „I’m lovin it.“ Ich denke, auch ein gewisser einfacher Zimmermann aus Nazareth hätte an diesem Slogan durchaus seine Freude gehabt.