Feminismus: Eine männliche Mission Impossible?

Als Sibylle Forrer im Juli im Wort zum Sonntag über die immer noch bestehende Diskriminierung von Frauen sprach, schien das Thema sowohl in meiner Twitter- als auch auf meiner Facebook-Timeline von neuem omnipräsent. Zu Recht! Zugegeben, ich war nicht immer dieser Meinung – was wohl mehr mit Unwissen denn mit ernsthafter Positionierung zu tun hatte. Zugegeben, manchmal werde ich sauer, wenn ich das Gefühl bekomme, schon allein wegen meines Geschlechts ‚verloren‘ zu haben – ein Gefühl, das vielen Frauen allerdings ziemlich bekannt vorkommen dürfte. Und ja, zugegeben, gegenüber einer Frauenquote bin ich kritisch – was jedoch damit zusammenhängt, dass ich dieselben Ausgangsbedingungen für Männer und Frauen erwarte und Fähigkeit in meinen Augen geschlechtsunabhängig ist. Trotz – oder vielleicht gerade wegen – alledem stimme ich den Worten von Sibylle Forrer zu.

Dennoch beschlich mich einmal mehr ein gewisses Unwohlsein. Nicht etwa, weil ich gegen das wäre, was da gesagt und geschrieben wurde, sondern weil ich – heterosexuell, männlich, weiss – in einem Dilemma stecke. Das soll jetzt keine „Männer sind die eigentlichen Opfer“-Rechtfertigung werden, denn Männer sind nicht die Opfer. Daher rührt ja das Dilemma, dass der weisse, heterosexuelle Mann keiner Minderheit angehört und dass er das über die Jahrtausende hinweg schamlos ausgenutzt hat und es heute noch viel zu oft tut. Das Recht, sich in eine Opferrolle zu begeben, von sich als eigentlich Diskriminiertem zu sprechen, hat er sich damit gründlich verspielt. Neben ihm kann das nur noch das Christentum von sich behaupten, was nicht verwundern kann, wenn man sich einmal Geschlecht und Hautfarbe der geistlichen Hirten vor Augen führt.

Um von sich als diskriminiert sprechen zu können, muss ‚man‘ einer Minderheitengruppe angehören. Der europäische weisse Mann hat nie einer Minderheitengruppe angehört. Er war – und ist es vielerorts noch – die Norm. Das Dilemma ist nun, dass der weisse Mann im Rahmen der öffentlichen Feminismus- und Gleichberechtigungsdebatte zum einen unter Druck steht, seinen Anspruch auf Universalität niederzulegen und sich selbst endlich als eine Gruppe unter vielen zu begreifen, zum anderen genau das nicht tun kann. Jeder Versuch, sich im Verhältnis und in Bezug zu anderen Gruppen zu positionieren, würde auf „Misstrauen, Unverständnis und Widerstand stossen“.  Diese Spannung hält manch ein Mann nicht aus, was sich gut an mannigfachen verbalen und physischen Übergriffen tiefst beschämender Sorte verdeutlichen lässt.

Dabei ist Feminismus etwas, was auch den Mann – gerade den Mann! – unbedingt angeht. In seiner Rolle steht es ihm aber offenbar nicht zu, sich dazu zu verhalten. Dieses Dilemma spüre ich oft, wenn das Thema – so wie dieser Tage – intensiv diskutiert wird, ich mich allerdings weder kompetent noch bemächtigt fühle, etwas dazu beizutragen. Vor einigen Tagen twitterte ich folgenden Eintrag: „Immer wenn ich was über starke Frauen twittern will, halte ich inne und lasse es bleiben aus Angst, die falsche Frau als stark zu bezeichnen.“ Gestern stellte ich fest, dass die Bezeichnung ‚starke Frau‘ sexistisch aufgefasst werden kann. Was also tun? Die Hände in den Schoss legen und leise nickend die Frauen machen lassen? Nein! Viel mehr ist der weisse Mann herausgefordert, darüber zu reflektieren, dass das, was er als Abstiegserfahrung oder vielleicht sogar als Erniedrigung versteht, in Tat und Wahrheit Gleichberechtigung ist. Die Vorzüge, die der weisse Mann damals wie heute geniesst, stehen ihm nicht mehr zu, als allen anderen auch. Dabei geht es einem aufrichtigen Feminismus nicht um die Unterjochung der Männer à la „den Männern zahlen wir’s jetzt heim“, sondern um die Herstellung einer Gemeinschaft, in der alle Menschen gleichermassen gewürdigt werden.

Der Feminismus betrifft neben der staatlichen sowie wirtschaftlichen Dimension auch die sprachliche. Männer wie Frauen müssen gemeinsam weiterhin eine Sensibilität für die Sprache ausbilden und einander helfen, tradierte aber auch diskriminierende Formulierungen abzulegen. Sprache ist immer auch Ausdruck einer Kultur. Sie ist das Aushängeschild dessen, wofür wir einstehen. Sie ist aber auch Ausdruck von Kommunikation. Mit ihr können die unsinnigen Grabenkämpfe – hier nur der frauenverachtende Macho und dort bloss die männerhassende Furie – überwunden werden. Vorwürfe werden uns kaum weiterbringen, sondern die konstruierte und weithin leider doch reale Kluft zwischen Mann und Frau nur noch weiter aufreissen. Das zu verhindern, erfordert von allen Beteiligten einiges an Geduld und Entschlossenheit. Während die Frauen weiterhin mit Recht auf eben dieses pochen, ist es an den Männern, das Unmögliche zu tun und ihre Position im Verhältnis zu anderen, gleichwertigen Positionen zu überdenken und – inklusive der Gefahr, ab und an ordentlich zu scheitern – an der Kommunikation teilzunehmen. Feminismus geht auch die Männer an. Dank uns Männern haben wir den Salat ja erst! Da ist es nur fair, sich für die Gleichberechtigung reflektiert sowie aktiv einzusetzen, die Verantwortung also wahr- und die Mission Impossible anzunehmen. Wenn das nicht ‚männlich‘ ist, weiss ich auch nicht.

Verwendete Literatur: Di Blasi, Luca, Der weisse Mann. Ein Anti-Manifest, Bielefeld 2013.