Die Kirche ist nicht das Himmelreich

In der reformierten Kirche Berns geht die Angst um. Nicht, dass man davon spräche. Aber wenn über Kirche geredet wird, ist die Angst oft deutlich zu spüren. Angst vor der Zukunft, Angst vor dem Mitgliederschwund, Angst vor dem Bedeutungsverlust. Diese Angst ist nicht unberechtigt. Die Kirchenbänke leeren sich, Glaube wird mehr und mehr zur Privatsache und der Satz «Aber bitte nichts mit Gott» ist bei Traugesprächen längst salonfähig geworden.

Dass es ein Leben ohne Kirche gibt, weiss ich selbst am besten. Mit der altehrwürdigen Institution kam ich erst so richtig in Berührung, nachdem ich schon einige Semester Theologie studiert hatte – die Trockenübungen zwecks Konfirmation einmal ausgenommen. Heute bin ich Teil der Kirche. Ich habe tatsächlich die Seiten gewechselt. Ich bin dankbar, dass es die reformierte Kirche in all ihrer Vielfalt gibt und es macht mich nachdenklich, wenn Menschen meinen, Kirche sei angestaubt und hinfällig. Noch nachdenklicher stimmt mich jedoch die Angst innerhalb der Institution. Denn Angst steckt an, sie lähmt – auch mich.

Ich beobachte, dass es in der Landeskirche in der Regel zwei Wege gibt, mit Angst umzugehen. Bei der ersten Variante wird die Realität schöngeredet – «Es ist sowieso besser, wenn nur die in den Gottesdienst kommen, die auch wirklich wollen». Bei der zweiten Variante wird einfach geschwiegen. Die zweite Variante ist besonders beliebt bei heiklen Themen wie etwa Homosexualität. Unsere Stellungnahme zur Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare habe ich an die zuständigen Institutionen und Personen in Bern geschickt. Deren Reaktionen? Null. Auf der anderen Seite: Keine Antwort ist auch eine Antwort.

Weil Kirche Angst vor der Zukunft hat, hat sie Angst, etwas Falsches zu tun. Also tut sie viel zu oft nichts oder zu wenig. Sie klammert sich an Traditionen, Dogmen und Kirchengebäude. Auf Kritik reagiert der Kirchenadel gerne empfindlich. Man will um jeden Preis überleben, den Status quo erhalten – und befeuert gerade dadurch den ekklesiologischen Supergau. Ich verstehe das. Denn wenn es um Kirche geht, geht es immer auch ein wenig um Heimat. Wenn diese Heimat bröckelt, sieht man nur allzu schnell die guten christlichen Werte bedroht. In meinem Fall sehe ich ja sogar meinen Job bedroht.

Aber die Kirche ist nicht das Himmelreich. Ihre Institutionen, Lehren und Gebäude sind nicht viel mehr als der Versuch, einem unfassbaren Gott einen Rahmen zu geben. Sie sind Stückwerk. Wenn jetzt noch Angst im Spiel ist, wird aus dem Versuch sehr schnell Zwängerei. Dabei wird gerne vergessen, dass nicht wir es sind, die das Himmelreich einrichten, sondern Gott.

Es gibt einen Unterscheid zwischen einer sinnvollen und sinngebenden Kirche. Die meisten Kirchen sind sinnvoll. Um das zu begreifen, reicht oft ein Blick auf das vielfältige spirituelle und karitative Engagement. Ein Engagement, dass das römische Reich mehr als einmal vor dem Kollaps bewahrte und bis heute der Gesellschaft einen Dienst leistet, welcher den Sozialstaat andernfalls wohl teuer zu stehen käme.

Aber keine Kirche ist sinngebend. Sinngebend ist die frohe Botschaft. Die Kirche ist lediglich die Bühne, auf dem das Stück zur Aufführung gelangt. Die Bühne ist austauschbar. Was für ein kümmerliches Evangelium wäre das, wenn es von Mauern, Traditionen und Institutionen abhinge? Und was für ein Trauerspiel, wenn die Angst Regie führt? Um es mit den Worten Martin Luthers zu sagen: «Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz.»

Wir haben in der Kirche alle Freiheit. Und wir predigen auch gerne über diese Freiheit. Die Freiheit, die uns Christus schenkte. Die Freiheit, von der Paulus sprach: «Denn zur Freiheit seid ihr berufen worden.» Aber nützen wir diese Freiheit auch? Bestimmt sie mehr als unser Reden von Gott? Gestehen wir sie denen zu, die neues probieren wollen oder – noch schlimmer – uns kritisieren?

Es tut der Kirche gut, durchgeschüttelt zu werden. Reformation ist ein mehr oder weniger beständiger Prozess und kein starrer Status. Wenn sie zu letzterem geworden ist, ist es höchste Zeit, dass wir uns in unser geliebtes Wort fallen lassen – damit wir es uns in unseren Gemäuern und Traditionen ja nicht zu bequem einrichten. Ein Grund zur Angst ist das noch lange nicht. Wir verkündigen das ewige Leben und nicht Dantes Inferno. Oder um noch einmal Luther zu zitieren: «Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch ein Bäumchen pflanzen.»