«Einer für alle, alle für einen.» – Gedanken in NoBillag-Zeiten

«Einer für alle, alle für einen.» So lautet der Wahlspruch der Schweiz. In lateinischen Lettern findet man ihn in der Kuppelhalle des Bundeshauses. Seine Wurzeln hat das inoffizielle Motto im 19. Jahrhundert. Als 1868 Herbststürme über die Schweizer Alpen und durch das Tessin fegten, kam es zu enormen Überschwemmungen. Was folgte, kann gut und gerne als eine der ersten nationalen Hilfsaktionen gesehen werden. Während die Kantone zuvor meist ihrem Schicksal überlassen blieben, wurden nun Soldaten zur Unterstützung entsandt. Der Bundesrat rief derweil schweizweit zu Spenden auf. Diesen Ball nahm die Presse auf und gab ihn weiter. Ihr Appell an die Schweizerinnen und Schweizer: «Einer für alle, alle für einen.» Die Folge war eine beispiellose Solidarisierungswelle.

Für den Berner Umwelthistoriker Christian Pfister haben diese und ähnliche Ereignisse für die Schweizerische Eidgenossenschaft einen unvergleichlichen, identitätsstiftenden Charakter. Die Idee der solidarischen Willensnation mit ihren vier Landessprachen und ihrer kulturellen Vielfalt wird immer wieder reaktiviert. Zu recht. Denn obwohl sie unsere Vergangenheit vermutlich verklärt, gäbe sie uns doch Orientierung für Gegenwart und Zukunft. In der Neujahrsansprache von 2013 etwa erklärte der damalige Bundespräsident Ueli Maurer: «Einer für alle, alle für einen. (…) Oder ganz einfach ausgedrückt: Miteinander und füreinander. Das ist so etwas wie eine Erbschaft, ein Vermächtnis.»

Aber abseits von Schutt und Schlamm ist es mit diesem Vermächtnis nicht weit her. Ein anderes Credo hat sich im unspektakulären Alltag eingeschlichen. Eines, das sich weitaus weniger elegant liest. Es lautet: «Was habe ich davon?» Und dieses Credo erodiert den solidarischen Boden, auf dem unsere Gesellschaft steht.

Nicht der Islam oder die angebliche Überfremdung bereiten mir Sorgen. Meine Sorge gilt viel mehr jenem «Ich», das sofort abspringt, wenn es gerade keinen Nutzen für sich sieht. Wir selbst sind es, die auf diese Weise unsere Kultur aushöhlen und die Rede von den guten alten Werten endgültig zur hohlen Phrase werden lassen. So gesehen bei der Kirchenmitgliedschaft und natürlich bei der NoBillag-Initiative. Keine dieser Institutionen ist sakrosankt und jede von ihnen hat deutliche Schwächen.

Unsere Landeskirche ist ein Stückwerk, bei dem ich gelegentlich beinahe die Nerven verliere. Dennoch halte ich an ihr fest. Weil ich ihren Beitrag zum «Wir» für grundlegend halte. Weil sie dort hingeht und sich einsetzt, wo für das «Ich» eben nichts mehr zu holen ist. Als Pfarrer bin ich auch für Menschen da, die aus der Kirche ausgetreten sind. Für mich ist klar: Die frohe Botschaft gilt allen.

Auch mit der Billag habe ich so meine liebe Mühe. Ich wage zu behaupten, dass ich noch nie einen freundlichen Billag-Mitarbeiter am Hörer hatte. Dennoch bezahle ich die Gebühr. Ich bezahle sie auch dann, wenn wieder einen Sommer lang nichts als Fussball im TV läuft und «ich» als Sportmuffel rein gar nichts davon habe. Denn letztendlich bezahle ich nicht für mich, sondern für uns. Ich bezahle dafür, dass nicht allein meine Interessen befriedigt werden, sondern unsere.

Die Billag gehört vielleicht komplettüberholt, aber abgeschafft gehört sie nicht. Denn mit den eingezogenen Geldern werden – so gut es Menschen eben gelingt – «unsere» Kulturen gepflegt und weitergegeben. Jene, die sich in unseren vier Landessprachen wiederspiegeln; in unseren unzähligen regionalen Gebräuchen; in unserem unsterblichen «Kantönligeist» und unseren grundlegenden Werten – auch den christlichen. In Zeiten des angeblichen Wertezerfalls sollte uns dafür nichts zu teuer sein.

Man kann sich gerne einreden, dass private Unternehmen diese Kulturen und Werte schon weiter ausgewogen pflegen würden, solange es eine Nachfrage und also auch einen Nutzen gibt. Das kann sein – auch wenn ich es beim Blick auf die US-Medienwelt bezweifle. Aber auf dem Grund unserer Geschichte sind wir eben keine Nutzennation, sondern eine Willensnation. Die Kultur, die alle unsere Kulturen eint, fragt nicht nach dem «Ich», sondern nach dem «Wir». Sie lässt sich in einem einfachen Credo zusammenfassen: «Einer für alle, alle für einen.» In diesem Sinne: Nein zu NoBillag.